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Projektkommunikation: Viel Kommunikation. Wenig Verständigung.

vor 5 Tagen
10 Min. Lesezeit

Warum Meetings, Mails und Statusberichte noch keine Handlungsfähigkeit schaffen


Hallo, meine lieben Protokollproduzenten, Meeting-Multiplikatoren und Freunde des Satzes: „Das stand doch in der Mail!“


Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund und ich möchte mit euch heute über ein Phänomen sprechen, das in Projekten ausgesprochen zuverlässig für Verwirrung sorgt:


Alle kommunizieren.

Niemand weiß genau, was gilt.


Es gibt Meetings. Chats. Statusberichte. Abstimmungen. Protokolle. Dashboards. Jour fixes. Lenkungskreise. Vorabstimmungen zur Vorbereitung der eigentlichen Abstimmung.


Also Kommunikation satt.

Und trotzdem tauchen irgendwann diese bemerkenswerten Fragen auf:


  • „Wer hat das eigentlich entschieden?“

  • „War das jetzt nur ein Vorschlag oder schon ein Auftrag?“

  • „Wer sollte das übernehmen?“

  • „Wusste der Einkauf davon?“

  • „Gilt der Termin noch?“

  • „Warum hat niemand früher gesagt, dass das nicht funktioniert?“


Herrlich.


Zwölf Menschen waren im Termin.

Sieben Menschen standen im Verteiler.

Drei Systeme enthalten einen Status.

Und die Entscheidung ist trotzdem allein zu Hause geblieben.


Das ist keine Ausnahme.

Das ist die Kommunikationsillusion.


Wir verwechseln Senden mit Verständigung.
Wir glauben, eine Information sei wirksam geworden, weil sie ausgesprochen, verschickt, präsentiert oder irgendwo abgelegt wurde.

  • Aber geschrieben ist noch nicht gelesen.

  • Gelesen ist noch nicht verstanden.

  • Verstanden ist noch nicht gemeinsam gedeutet.

  • Gemeinsam gedeutet ist noch nicht entschieden.

  • Und entschieden ist noch lange nicht umgesetzt.


Willkommen im erstaunlich großen Raum zwischen:


„Ich habe es doch gesagt.“

und:

„Wir können damit arbeiten.“




Der Montagmorgen, an dem alle informiert waren


Nehmen wir eine Szene, wie ich sie in unterschiedlichen Varianten oft genug erlebt habe.


Ein mittelständischer Sondermaschinenbauer arbeitet an einer neuen automatisierten Fertigungslinie für einen wichtigen Kunden.


Konstruktion, Software, Einkauf, Montage und Vertrieb sind beteiligt.

Der Termin ist anspruchsvoll.

Der Kunde erwartet Verlässlichkeit.

Die Geschäftsführung erwartet eine saubere Umsetzung.

Und das Projektteam erwartet vermutlich irgendwann einmal einen Tag ohne überraschende Zusatzanforderung.

Montagmorgen, neun Uhr.

Projektstatus.


Auf der Agenda:

  • aktueller Stand

  • offene Punkte

  • Risiken

  • nächste Schritte


Also alles, was man braucht, um ein Projekt souverän zu steuern.

Der Einkauf erwähnt, dass ein kritisches Bauteil möglicherweise später kommt.


Die Formulierung lautet:

„Beim Liefertermin besteht aktuell noch eine gewisse Unsicherheit.“

Das klingt überschaubar.

Fast freundlich.


  • Die Konstruktion geht davon aus, dass sich die Verzögerung technisch auffangen lässt.

  • Die Montage glaubt, dass sie dazu später noch einmal gefragt wird.

  • Der Vertrieb möchte den Kunden nicht unnötig beunruhigen.

  • Die Projektleitung nimmt das Thema als Risiko auf.


Im Status bleibt das Projekt gelb.


Im Protokoll steht:

„Liefertermin weiterhin beobachten.“


Dann geht es weiter zum nächsten Punkt.


  • Drei Wochen später ist das Bauteil nicht da.

  • Die Konstruktion kann nicht abschließen.

  • Die Software kann nicht realistisch testen.

  • Die Montage steht vor einer Lücke.

  • Der Vertrieb muss dem Kunden erklären, warum der Termin jetzt plötzlich gefährdet ist.


Und im nächsten Lenkungskreis sagt jemand:

„Warum erfahren wir das erst jetzt?“

Jetzt wird es interessant.


Denn streng genommen hat man es nicht erst jetzt erfahren.


Das Thema war:

  • im Meeting,

  • im Status,

  • im Protokoll

  • und vermutlich zusätzlich in zwei Mails.


Alle waren informiert.

Aber niemand hatte die Unsicherheit gemeinsam bewertet.


Niemand hatte geklärt, welche Auswirkung sie auf das Gesamtprojekt hat.

Niemand hatte entschieden, welche Option verfolgt wird.

Niemand hatte festgelegt, bis wann die Lage geklärt sein muss.

Und niemand hatte überprüft, ob aus „weiter beobachten“ irgendwann eine Handlung geworden ist.


Formal kommuniziert.

Praktisch unbehandelt.




Kommunikation ist kein Begleitprogramm


Projektkommunikation wird gern als weiches Thema behandelt.

  • Die Technik ist hart.

  • Der Termin ist hart.

  • Das Budget ist hart.

  • Die Kommunikation ist dann dieses soziale Gleitmittel, das dafür sorgen soll, dass alle trotz schlechter Nachrichten freundlich bleiben.


Das ist eine ausgesprochen teure Fehleinschätzung.


Kommunikation ist im Projekt keine Dekoration.

Sie ist die Infrastruktur gemeinsamer Handlungsfähigkeit.


Denn Projekte bestehen nicht nur aus Aufgaben.

Sie bestehen aus unterschiedlichen Perspektiven, Abhängigkeiten, Interessen, Annahmen, Machtverhältnissen, Risiken und Entscheidungen unter Unsicherheit.


  • Die Konstruktion sieht technische Machbarkeit.

  • Der Einkauf sieht Marktverfügbarkeit.

  • Die Produktion sieht Stabilität.

  • Der Vertrieb sieht das Kundenversprechen.

  • Die Geschäftsführung sieht Risiko und Ergebnis.

  • Die Projektleitung sieht im Idealfall alles gleichzeitig und fragt sich, warum der Tag nur 24 Stunden hat.


Diese Perspektiven sind nicht automatisch falsch.

Aber sie sind auch nicht automatisch kompatibel.

Kommunikation muss deshalb mehr leisten, als Informationen zu verteilen.


Sie muss helfen,

  • unterschiedliche Bilder der Lage sichtbar zu machen,

  • Fakten von Annahmen zu trennen,

  • Widerspruch zu ermöglichen,

  • Entscheidungen vorzubereiten

  • und offene Schleifen zu schließen.


Das ist keine Moderationsromantik.

Das ist Projektsteuerung.




Warum mehr Kommunikation das Problem manchmal vergrößert


Wenn Kommunikation nicht funktioniert, reagieren Organisationen häufig mit bemerkenswerter Konsequenz:

Sie erhöhen die Kommunikationsmenge.


  • Noch ein Meeting.

  • Noch ein Statusformat.

  • Noch ein Abstimmungskreis.

  • Noch ein Tool.

  • Noch ein Dashboard.

  • Noch mehr Transparenz.

  • Noch mehr Menschen im Verteiler.


Und inzwischen natürlich:

Noch eine KI, die das alles schneller zusammenfasst.


Das Problem dabei:

Mehr Kommunikation verbessert nicht automatisch die Verständigung.


Manchmal produziert sie nur mehr Material, das unterschiedlich interpretiert werden kann.


Mehr Kanäle schaffen nicht automatisch eine gemeinsame Wahrheit.

Mehr Teilnehmende schaffen nicht automatisch bessere Entscheidungen.

Mehr Transparenz schafft nicht automatisch Orientierung.


Und ein zusätzliches Statusmeeting löst kein Kommunikationsproblem, wenn dort weiterhin niemand sagt, was wirklich los ist.


  • Ein Meeting kann informieren.

  • Es kann erkunden.

  • Es kann koordinieren.

  • Es kann entscheiden.

  • Es kann Lernen ermöglichen.

  • Oder Beziehung stabilisieren.


Wenn allerdings niemand weiß, welche dieser Leistungen gerade gebraucht wird, entsteht oft ein Format, das alles ein bisschen versucht und nichts richtig schafft.


Dann werden 45 Minuten gesprochen.

Am Ende sagt jemand:

„Gut, dann nehmen wir das so mit.“


Wohin eigentlich?

Und warum kommt es nie wieder zurück?




Das K4-Modell gelingender Projektkommunikation

Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder nach einer einfachen Möglichkeit gesucht, Kommunikationsprobleme in Projekten nicht nur gefühlt, sondern systematisch zu betrachten.


Nicht noch ein weiteres Modell, das auf einer Folie hübsch aussieht und anschließend zwischen Eisberg und Vier-Seiten-Quadrat im Methodenarchiv wohnt.


Sondern ein Orientierungsrahmen für die Frage:


An welcher Stelle verliert diese konkrete Kommunikationssituation ihre Handlungsfähigkeit?

Daraus ist das K4-Modell gelingender Projektkommunikation entstanden.


Die vier K stehen für:


  1. Kontext verstehen

  2. Klarheit schaffen

  3. Kontakt herstellen

  4. Konsequenz sichern


Im Zentrum stehen Mut und Verantwortung.

Nicht als Heldentum.

Nicht als Motivationsspruch.


Sondern als tägliche Bereitschaft,

  • genauer hinzusehen,

  • Unangenehmes auszusprechen,

  • Unterschiede auszuhalten

  • und Verantwortung nicht in Formulierungen verschwinden zu lassen.


Die vier Dimensionen sind keine hübsche Prozesskette.

Sie greifen ineinander.


  • Wenn ihr den Kontext falsch versteht, hilft euch auch eine perfekte Formulierung nicht.

  • Wenn ihr Klarheit ohne echten Kontakt produziert, bekommt ihr vielleicht eine präzise Ansage — aber keinen belastbaren Widerspruch.

  • Wenn ihr Kontakt mit Harmonie verwechselt, nicken alle freundlich und melden ihre Zweifel anschließend im Flur.

  • Und wenn ihr Konsequenz mit Protokollierung verwechselt, habt ihr am Ende eine hervorragende Dokumentation darüber, dass niemand Verantwortung übernommen hat.


Schauen wir uns die vier Bruchstellen kurz an.




1. Kontext verstehen: Was passiert hier eigentlich wirklich?


Ein typischer Satz lautet:

„Die blockieren halt.“


  • Wer genau?

  • Warum?

  • Aus welcher Rolle?

  • Mit welchem Interesse?

  • Unter welchem Druck?

  • Und mit welcher Vorgeschichte?


Vielleicht blockiert der Einkauf nicht.

Vielleicht schützt er sich vor einer Lieferantenzusage, die er nicht verantworten kann.

Vielleicht ist die Produktion nicht unflexibel.

Vielleicht hat sie in den vergangenen drei Projekten erlebt, dass späte Änderungen vollständig bei ihr gelandet sind.

Vielleicht ist der Sponsor nicht desinteressiert.

Vielleicht glaubt er schlicht, dass die Projektleitung bereits das Mandat hat, selbst zu entscheiden.


Kontext heißt:

Nicht jede Schwierigkeit sofort als Formulierungs-, Motivations- oder Persönlichkeitsproblem zu behandeln.


Manchmal ist das Problem nicht, wie jemand kommuniziert.


Das Problem ist, aus welcher Rolle, mit welchem Risiko und in welchem System diese Person spricht.


Die erste K4-Frage lautet deshalb:

Was steht für die Beteiligten tatsächlich auf dem Spiel?



2. Klarheit schaffen: Was wissen wir — und was erzählen wir uns?


Projektkommunikation klingt häufig präziser, als sie ist.


„Der Termin ist gefährdet.“

  • Wie stark?

  • Wodurch?

  • Ab wann?

  • Mit welcher Auswirkung?


„Der Kunde ist unzufrieden.“

  • Womit konkret?

  • Auf Basis welcher Rückmeldung?


„Das Team ist überlastet.“

  • Welche Rollen?

  • In welchem Zeitraum?

  • Mit welcher Folge?


„Wir sollten das zeitnah klären.“

  • Wer ist „wir“?

  • Was ist „das“?

  • Und wann genau beginnt „zeitnah“?

  • Mittwoch?

  • Nächster Monat?

  • Nach dem ersten Schadensfall?


Klarheit bedeutet nicht, dass jede Unsicherheit verschwinden muss.

Das wäre in Projekten auch ein eher ambitioniertes Hobby.


Klarheit bedeutet, sichtbar zu machen:

  • Was ist beobachtet?

  • Was ist Annahme?

  • Was ist Bewertung?

  • Was wissen wir noch nicht?

  • Welche Auswirkung erwarten wir?

  • Was muss entschieden werden?


Eine klare Botschaft ist nicht automatisch eine angenehme Botschaft.

Aber sie ist anschlussfähig.


Aus:

„Der Liefertermin ist noch unsicher.“


wird:

„Der Lieferant hat den bestätigten Termin zurückgezogen. Aktuell erwarten wir zwei bis vier Wochen Verzögerung. Ohne Alternative verschiebt sich die Montage. Wir brauchen bis Donnerstag eine Entscheidung zwischen Ersatzlieferant, Scope-Anpassung oder offener Terminverschiebung.“


Jetzt kann Führung stattfinden.

Vorher konnte man nur interessiert nicken.




3. Kontakt herstellen: Darf hier wirklich etwas gesagt werden?


Kontakt klingt weich.

Ist er aber nicht.

Kontakt heißt nicht, dass alle sich mögen.

Kontakt heißt auch nicht, dass jedes Gespräch gemütlich sein muss.


Kontakt bedeutet, dass Menschen tatsächlich miteinander in Verbindung treten können:

  • zuhören,

  • nachfragen,

  • widersprechen,

  • Unsicherheit eingestehen,

  • schlechte Nachrichten benennen,

  • und merken, ob das Gegenüber wirklich verstanden hat.


Ein Raum voller Menschen ist noch kein Kontakt.

Eine Videokonferenz mit eingeschalteten Kameras übrigens auch nicht.


Ein typisches Warnsignal lautet:

Alle nicken.


Niemand widerspricht.

Das kann Konsens sein.


Es kann aber auch sehr gut trainierte Vorsicht sein.

Menschen beobachten sehr genau, was passiert, wenn jemand Zweifel äußert.


Wird nachgefragt?

Wird der Hinweis ernsthaft geprüft?


Oder folgt sofort:

  • „Jetzt bleiben wir bitte lösungsorientiert.“

  • „Das ist aber eine sehr negative Sicht.“

  • „Wir dürfen den Kunden nicht verunsichern.“

  • „Können wir das nicht bilateral klären?“


Wer schlechte Nachrichten regelmäßig sozial bestraft, braucht sich über späte Eskalationen nicht zu wundern.


Dann fehlt nicht Kommunikationskompetenz.

Dann funktioniert das Schweigen genau so, wie das System es trainiert hat.


Die dritte K4-Frage lautet deshalb:

Welche relevante Stimme fehlt gerade — und warum?



4. Konsequenz sichern: Was passiert jetzt tatsächlich?


Das wahrscheinlich beliebteste Ende eines Meetings lautet:

„Wir kümmern uns.“


Ein wunderbarer Satz.


Er enthält:

  • keine Person,

  • keinen Termin,

  • keinen Qualitätsmaßstab,

  • keinen Entscheidungspunkt

  • und keine Rückmeldung.


Er ist die sprachliche Nebelmaschine der Projektarbeit.

Konsequenz bedeutet nicht Kontrolle bis ins letzte Detail.

Konsequenz bedeutet, eine Kommunikationsschleife sichtbar zu schließen.


Am Ende eines entscheidungsrelevanten Gesprächs muss klar sein:

  • Was ist entschieden?

  • Unter welchen Bedingungen gilt es?

  • Welche abweichende Sicht bleibt bestehen?

  • Wer übernimmt was?

  • Bis wann?

  • Woran erkennen wir ein brauchbares Ergebnis?

  • Wann wird zurückgemeldet oder überprüft?


Das Ende eines Meetings ist häufig wichtiger als die Hälfte seiner Folien.

Denn ein Gespräch wird nicht dadurch wirksam, dass alle lange beteiligt waren.


Es wird dadurch wirksam, dass danach etwas geklärter, entscheidbarer oder handlungsfähiger ist.


Die vierte K4-Frage lautet:

Wer macht was bis wann — und wann erfahren wir, was daraus geworden ist?



Was im Lieferantenfall anders gelaufen wäre


Kehren wir kurz zu unserem Sondermaschinenbauer zurück.

Der schlechte Liefertermin wurde erwähnt.


Aber K4 hätte aus der Erwähnung eine steuerbare Situation gemacht:



Kontext


Der Vertrieb schützt das Kundenversprechen.

Der Einkauf möchte keine ungesicherte Alternative zusagen.

Die Montage braucht Planungssicherheit.

Die Projektleitung trägt Terminverantwortung, hat aber kein Mandat für Mehrkosten oder Scope-Änderungen.


Schon das verändert die Diskussion.


Plötzlich sitzen dort nicht „die Blockierer“.

Dort sitzen Menschen mit unterschiedlichen legitimen Risiken.



Klarheit


Fakt ist:

Der ursprüngliche Liefertermin ist nicht mehr bestätigt.


Annahme ist:

Vielleicht kann ein Teil der Verzögerung aufgeholt werden.


Unsicherheit ist:

Wie schnell ein Ersatzlieferant qualifiziert werden kann.


Auswirkung ist:

Montage und Test geraten in Gefahr.


Entscheidungsbedarf ist:

Mehrkosten akzeptieren, Scope anpassen oder Terminrisiko offenlegen.



Kontakt


Die Projektleitung fragt ausdrücklich:

„Welche Einschätzung fehlt uns?“


Die Montage sagt:

„Wir können zwei Wochen auffangen. Vier Wochen nicht.“


Der Vertrieb sagt:

„Der Kunde akzeptiert eher eine frühe Teilumfangsentscheidung als eine späte

Vollverzögerung.“


Der Einkauf sagt:

„Ein Ersatzlieferant ist möglich, braucht aber sofort eine Freigabe.“


Jetzt gibt es keinen freundlichen Scheinkonsens mehr.

Es gibt belastbare Unterschiede.



Konsequenz


Der Lenkungskreis entscheidet:

  • Ersatzlieferant wird geprüft.

  • Ein klar definierter Zusatzumfang wird vorläufig aus Phase eins genommen.

  • Der Einkauf liefert bis Dienstag ein belastbares Angebot.

  • Der Vertrieb bereitet parallel eine transparente Kundenoption vor.

  • Mittwoch, zwölf Uhr, wird final entschieden.

  • Die Projektleitung meldet die Auswirkung unmittelbar zurück.


Gleiche Ausgangslage.

Weniger Nebel.

Mehr Führung.


Das ist die Aufgabe gelingender Projektkommunikation:

  • nicht jedes Problem sofort zu lösen,

  • sondern es so zu bearbeiten, dass gemeinsames Handeln möglich wird.




Ihr habt nicht immer ein Kommunikationsproblem


Das ist mir an dieser Stelle wichtig.

Nicht jedes Problem, über das schlecht gesprochen wird, ist deshalb ein Kommunikationsproblem.


  • Manchmal fehlt ein Mandat.

  • Manchmal kollidieren Ziele.

  • Manchmal ist die Kapazität zu gering.

  • Manchmal will niemand die unangenehme Entscheidung treffen.

  • Manchmal wird Kommunikation als höfliche Ersatzhandlung benutzt, weil die eigentliche Organisationsfrage politisch schwieriger wäre.


Dann hilft auch das vierte oder fünfte Gesprächstraining nur begrenzt.

Gute Gesprächsführung kann schlechte Strukturen nicht dauerhaft kompensieren.


Eine Projektleiterin, die jede Unklarheit durch persönliche Vorbereitung, Moderation, Nacharbeit und Diplomatie auffängt, ist nicht automatisch ein Beispiel gelingender Kommunikation.


Vielleicht ist sie nur der freundlichste Reparaturbetrieb des Systems.


K4 fragt deshalb nicht zuerst:

„Wer muss besser kommunizieren?“


K4 fragt:

An welcher Bruchstelle geht die Handlungsfähigkeit verloren — bei der Person, im Team oder in der Organisation?

Manchmal braucht es bessere Sprache.

Manchmal eine Teamroutine.

Und manchmal eine Governance-Entscheidung, die längst überfällig ist.




Der K4-Grün-Check für euer nächstes Meeting


Bevor ihr das nächste Kommunikationsseminar plant, das nächste Statusformat baut oder ein weiteres Tool einführt, nehmt euch eine konkrete Projektsituation vor.


Nicht abstrakt.

Nicht allgemein.


Eine reale Situation, die gerade hängt.

Bewertet jede der folgenden Fragen ehrlich mit Grün, Gelb oder Rot.



1. Kontext

Verstehen wir die beteiligten Rollen, Interessen, Risiken und Abhängigkeiten ausreichend?


  • Grün: Die unterschiedlichen Perspektiven sind sichtbar und nachvollziehbar.


  • Gelb: Wir kennen einzelne Positionen, arbeiten aber mit Vermutungen.


  • Rot: Wir erklären das Verhalten anderer hauptsächlich mit Unfähigkeit, Widerstand oder fehlendem Willen.



2. Klarheit

Ist erkennbar, was Fakt, Annahme, Unsicherheit und Entscheidungsbedarf ist?


  • Grün: Lage, Auswirkung und benötigte Entscheidung sind konkret.


  • Gelb: Das Problem ist bekannt, aber noch nicht entscheidbar formuliert.


  • Rot: Wir verwenden Sätze wie „zeitnah klären“, „im Blick behalten“ oder „irgendwie auffangen“.



3. Kontakt

Können relevante Menschen offen widersprechen und schlechte Nachrichten früh äußern?


  • Grün: Abweichende Perspektiven werden aktiv eingeladen und sichtbar bearbeitet.


  • Gelb: Widerspruch ist möglich, hängt aber stark von Person und Situation ab.


  • Rot: Alle stimmen zu — und die tatsächlichen Einwände erscheinen später im Flur, Chat oder Einzelgespräch.



4. Konsequenz

Ist nach dem Gespräch klar, was entschieden wurde und wer was bis wann übernimmt?


  • Grün: Entscheidung, Verantwortung, Termin und Rückmeldung sind geschlossen.


  • Gelb: Es gibt eine Richtung, aber noch offene Zuständigkeiten oder Fristen.


  • Rot: Das Ergebnis lautet „Wir kümmern uns“, „Wir nehmen es mit“ oder „Wir bleiben im Austausch“.


Auswertung


Viermal Grün:Die Situation hat eine belastbare kommunikative Basis.


Zwei- bis dreimal Grün:Ihr seid nicht orientierungslos, habt aber mindestens eine gefährliche Bruchstelle.


Null- bis einmal Grün:Dann braucht ihr vermutlich nicht mehr Kommunikation.

Dann braucht ihr eine andere Kommunikation — und möglicherweise eine strukturelle Entscheidung.





Vier kleine Veränderungen für morgen

Ihr braucht für den Einstieg kein Großprogramm.

Beginnt mit vier kleinen Änderungen.



Vor dem Gespräch: Kontext klären


Fragt euch:

„Wer spricht hier in welcher Rolle — und was steht für diese Person auf dem Spiel?“



In der Botschaft: Unsicherheit sichtbar machen


Trennt sauber:

  • „Das wissen wir.“

  • „Das nehmen wir an.“

  • „Das müssen wir noch prüfen.“

  • „Das muss entschieden werden.“



Im Gespräch: Widerspruch einladen


Fragt nicht nur:

„Sind alle einverstanden?“


Fragt:

„Welche abweichende Einschätzung fehlt uns?“



Am Ende: Schleife schließen


Beendet entscheidungsrelevante Gespräche mit:

„Was ist entschieden? Wer macht was bis wann? Wann prüfen wir das Ergebnis?“


Klingt simpel.

Ist es auch.

Einfach heißt nur leider nicht automatisch üblich.




Fazit: Gesendet ist nicht geklärt


Viele Projekte leiden nicht an zu wenig Kommunikation.

Sie leiden an zu viel unverbundener Information.


  • An unterschiedlichen Deutungen, die nie offen verglichen werden.

  • An Einwänden, die sozial zu teuer sind.

  • An Entscheidungen, die im Gespräch angedeutet, aber nicht geschlossen werden.

  • Und an Zusagen, die sprachlich existieren, praktisch aber niemandem gehören.


Das K4-Modell löst diese Probleme nicht automatisch.


Es ist kein Zaubertrick.

Es ist auch keine weitere Methodenfolie für Menschen, die gern über Kommunikation sprechen, aber ungern unangenehme Entscheidungen treffen.


K4 liefert euch bessere Fragen:

  • Verstehen wir den Kontext?

  • Ist die Lage klar?

  • Gibt es echten Kontakt und Widerspruch?

  • Ist die Konsequenz geschlossen?

  • Und haben wir genug Mut und Verantwortung, um das zu bearbeiten, was jetzt tatsächlich nötig ist?


Denn gute Projektkommunikation erkennt ihr nicht daran, wie viel gesprochen wurde.

Ihr erkennt sie daran, ob ein Projekt danach besser entscheiden, handeln und lernen kann.


Du brauchst nicht mehr Kommunikation.
Du brauchst die richtige Kommunikation an der richtigen Bruchstelle.

Bis zum nächsten Mal.


Jörg Tausendfreund



P.S.: Wenn im Protokoll alles steht, aber niemand weiß, was jetzt zu tun ist, habt ihr keine Verständigung dokumentiert. Ihr habt Unklarheit archiviert.


P.P.S.: „Das stand aber in der Mail“ ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist häufig nur der Nachweis, dass jemand auf „Senden“ gedrückt hat.

 
 
 

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