top of page

Quatsch-Entscheidungen

Quatsch-Entscheidungen - Wenn Zynismus zum Betriebssystem wird – und wie du ihn wieder deinstallierst
Quatsch-Entscheidungen - Wenn Zynismus zum Betriebssystem wird – und wie du ihn wieder deinstallierst

Wenn Zynismus zum Betriebssystem wird – und wie du ihn wieder deinstallierst


Hallo, meine lieben Change-Überlebenden!


Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund, Projektmanagement-Erklärer und und bekennender Allergiker gegen schön verpackten Unsinn.


Und ich steige heute mit einer These ein, die nicht nett ist, aber nützlich:


„Quatsch“ ist ein Warnsignal. Wer es ignoriert, baut Zynismus als Betriebssystem.

Denn genau so entsteht diese stille, giftige Routine, die ihr alle kennt:


Oben wird entschieden.

Unten wird genickt.

Und in der Kaffeeküche wird gelacht – bitter.


Nicht, weil die Leute „negativ“ sind. Sondern weil sie spüren: Hier stimmt was nicht.

Warum mir das Thema wichtig ist?


Weil ich zu viele Projekte gesehen habe, die nicht an Technik, Kompetenz oder Fleiß gescheitert sind – sondern an einer simplen, teuren Dynamik:


Menschen verlieren die gemeinsame Urteilskraft. 


Und ohne die kannst du dir deine Strategie‑Slides direkt laminieren und als Platzdeckchen nutzen.




1) Der Maschinenbau-Moment: Strategiewechsel auf Zuruf

Stell dir folgende Szene vor (und ja, du kennst sie):


Mittelständischer Maschinenbauer.

Solide Produkte.

Solide Menschen.

Solide Kunden.


Dann kommt der Strategiewechsel.

  • „Wir müssen jetzt mehr Service machen.“

  • „Wir müssen digitaler werden.“

  • „Wir müssen Kosten senken, aber Tempo halten.“

  • „Wir müssen Change, weil der Markt es verlangt.“


Alles gleichzeitig. Alles „sofort“. Und niemand kann dir sauber beantworten, was das konkret bedeutet für:

  • Produktroadmap

  • Vertrieb/Angebotslogik

  • Engineering-Kapazitäten

  • Lieferkette

  • After-Sales-Prozesse

  • Projekte, die schon laufen


Im Maschinenraum passiert dann das, was immer passiert:

  • Projektleitungen werden zu Übersetzungsbüros ohne Vorlage.

  • Teams bauen Workarounds, um überhaupt liefern zu können.

  • Mittlere Führung wird zum Blitzableiter.

  • Und das Ganze kippt in „Dienst nach Vorschrift“ – freundlich, aber innerlich gekündigt.


Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:


Wenn eine Entscheidung für viele fähige Menschen wie kompletter Quatsch wirkt, ist das selten ein Intelligenzproblem.


Es ist fast immer ein Übersetzungs-, Anreiz- oder Strukturproblem. Manchmal alles zusammen.




2) Erstmal sortieren: Ist die Entscheidung schlecht – oder nur schlecht erklärt?

Der häufigste Fehler in Organisationen: Man diskutiert ewig – aber man vermischt zwei Fragen, die getrennt gehören:


  1. Ist die Entscheidung inhaltlich gut? (Qualität)


  2. Ist sie nachvollziehbar für die Umsetzung? (Verständlichkeit)


Wenn du das nicht trennst, passiert Folgendes: Du behandelst ein Qualitätsproblem wie ein Kommunikationsproblem – und produzierst „noch besseres Messaging“ für eine Entscheidung, die trotzdem Mist bleibt. Gratulation. Jetzt ist der Mist nur professioneller formuliert.


Die 2×2-Landkarte (ohne PowerPoint-Religionskrieg)


  • A: Gut, aber wirkt wie Quatsch → Übersetzung/Beteiligung fehlt


  • B: Gut und verstanden → selten, aber herrlich


  • C: Quatsch und keiner versteht’s → Chaos + Zynismus (unser Fall heute)


  • D: Quatsch, aber gut verkauft → Theater-Gefahr (die gefährlichste Sorte)


Du hast mir gesagt: Wir sind bei C. Das heißt: Du brauchst nicht „noch ein Townhall“. Du brauchst Stopp, Diagnose und eine Re-Entscheidung – oder du unterschreibst das Zynismus-Abo auf unbestimmte Zeit.




3) Die 7 Linsen: Warum „Quatsch“ überhaupt entsteht

Ich mag keine Buzzwords. Aber ich mag Diagnose-Sets. Und diese sieben Linsen sind genau das: ein Set, um die „unsichtbare Logik“ hinter einer Entscheidung sichtbar zu machen.


  1. Info & Perspektive – oben sieht KPIs, unten sieht Nebenwirkungen


  2. Kommunikation – Ergebnis wird verkündet, Denkweg fehlt


  3. Anreize & Kennzahlen – Menschen optimieren auf das, wofür sie belohnt werden


  4. Macht & Politik – Koalitionen schlagen Wahrheit


  5. Kognition & Biases – Overconfidence, Optimismus, Einzigartigkeitsmärchen


  6. Symbolik & Legitimität – Entscheidung als Signal nach außen/innen


  7. Struktur & Entkopplung – System verhindert Umsetzung, auch bei guter Absicht


Und jetzt machen wir’s realistisch: In der Praxis wirken selten alle sieben gleichzeitig. Meist reichen 2–3 Haupttäter.


Und die vertiefen wir jetzt einmal:

Kommunikation, Anreize/Kennzahlen, Struktur/Entkopplung.


Das sind die Klassiker, wenn Strategiewechsel „wie Quatsch“ wirken.




4) Linse 1: Kommunikation – „Wir haben entschieden“ ist keine Übersetzung

Viele Führungsteams kommunizieren Entscheidungen wie ein Endprodukt:


„Das ist der neue Kurs.“ - Fertig!


Unten kommt dann die wichtigste Frage – und sie bleibt unbeantwortet:

„Was heißt das konkret für unsere Realität am Dienstag um 10:30 Uhr?“


Wenn die Antwort fehlt, macht das System, was es immer macht: Es füllt die Lücken mit Gerüchten, Interpretationen und Bauchlogik.


Drei typische Symptome:


  • Die mittlere Führung „erfindet“ Begründungen, weil oben nur die PowerPoint-Version geliefert hat.


  • Q&A wird defensiv („Wir erklären euch das jetzt“) statt gemeinsam klärend („Lasst uns die Trade-offs offenlegen“).


  • Schlechtes Feedback kommt nicht nach oben – weil es riskant ist, schlechte Nachrichten zu liefern.


Merksatz: Erwachsene Organisationen halten Ambivalenz aus. Kinder brauchen Märchen.


Wenn du Change ernst meinst, musst du nicht nur das Was liefern – sondern den Denkweg: Gründe, Alternativen, Trade-offs, offene Punkte, Review-Datum.




5) Linse 2: Anreize & Kennzahlen – du bekommst, was du misst

Jetzt wird’s unbequem.


Viele „Quatsch-Entscheidungen“ sind gar nicht irrational. Sie sind rational innerhalb eines falschen Belohnungssystems.


Wenn ein Vorstand (oder eine Bereichsleitung) auf Quartalszahlen, Auslastungsgrade oder „Grün-Reporting“ bewertet wird, dann entstehen Entscheidungen, die kurzfristig glänzen – und langfristig die Substanz fressen.


Typisches Beispiel aus dem Maschinenbau:


  • „Wir reduzieren Kosten um X%“


  • aber: Liefertermine bleiben gleich, Qualität soll steigen, und nebenbei startet ein „strategisches Zukunftsprogramm“.


Das ist keine Strategie. Das ist Verschleißmanagement.


Merksatz: Menschen sabotieren selten aus Bosheit. Sie optimieren auf das, was ihnen das System bezahlt – mit Geld, Karriere oder Ruhe.


Wenn du nicht prüfst, welche Kennzahlen und Karriere-Logiken eine Entscheidung belohnt, wirst du immer wieder „Quatsch“ produzieren – nur in neuen Farben.




6) Linse 3: Struktur & Entkopplung – das System macht aus „soll“ ein „geht nicht“

Und jetzt der Klassiker, den Projektleitungen täglich ausbaden:

Oben wird entschieden – aber unten fehlen die Entscheidungsrechte, Kapazitäten und Schnittstellen, um das umzusetzen.


Das ist Entkopplung: Im Organigramm sieht alles sauber aus. In der Arbeit fließt es anders.


Typische Entkopplungs-Symptome:


  • Entscheidung braucht fünf Gremien → wird verwässert oder kommt zu spät


  • Verantwortlichkeiten sind „wir“ → keiner ist Owner


  • Ressourcen sind verteilt → niemand kann sie wirklich priorisieren


  • Projekte laufen parallel → alles ist wichtig → nichts wird fertig


Das Ergebnis? Die Entscheidung wirkt wie Quatsch, weil sie strukturell nicht anschlussfähig ist.


Merksatz: Wenn eine Entscheidung keine Owner, keine Ressourcen und keinen Entscheidungsweg hat, ist sie keine Entscheidung. Sie ist ein Wunschzettel.




7) Und was hat das mit KI zu tun?

Nur ein kurzer Absatz, versprochen:


KI beschleunigt nicht nur gute Entscheidungen – sie beschleunigt auch Quatsch.


Warum? Weil KI schneller ausrollt, schneller vergleichbar macht, schneller Reporting erzeugt. Wenn du Wildwuchs und Entkopplung schon drin hast, macht KI ihn nur sichtbarer – und manchmal auch schneller tödlich.


Darum: Erst Urteilskraft und Struktur. Dann KI-Tempo.




Praxisteil: Wie du aus „Quatsch“ wieder Urteilskraft machst

Jetzt kommen wir zur entscheidenden Frage: Was machst du damit – als Projektleitung, als Führungskraft, als Mensch im System?


Ich gebe dir zuerst ein paar Quick Wins (damit du morgen nicht nur klüger bist, sondern handlungsfähig) – und dann die strukturellen Hebel, die den Mist wirklich abstellen.



A) Quick Wins (1–4 Wochen): Wenig Aufwand, viel Entgiftung


1) Der 1‑Seiter für Entscheidungen (Decision Brief) Eine Seite. Nicht zehn.

  • Ziel / Zweck

  • Optionen (mind. 2)

  • Trade-offs (was opfern wir bewusst?)

  • Annahmen

  • Risiken

  • Review-Datum + Kill-Kriterium


2) „Bad-News-First“ als Ritual Jedes Management-Meeting startet 10 Minuten mit:

  • Risiken

  • Abweichungen

  • unangenehme Wahrheiten (und nein: das ist kein Negativitätsclub – das ist Frühwarnsystem.)


3) Pre‑Mortem light „Stell dir vor, das Ding ist in 12 Monaten gescheitert. Warum?“ Du wirst staunen, wie schnell plötzlich echte Gründe auf dem Tisch liegen.



B) Strukturelle Hebel (1–6 Monate): Damit es nicht wieder passiert


1) Portfoliosteuerung härten Weniger Initiativen parallel. Echte Ressourcen. Echte Priorität. Wenn ihr 25 Dinge „strategisch“ macht, macht ihr nichts strategisch. Ihr macht Lärm.


2) Entscheidungsrechte klären Wer entscheidet was – mit welchen Kriterien – in welchem Zeitfenster? RACI reicht selten. Du brauchst echte Entscheidungsmacht, nicht bunte Tabellen.


3) Anreizsysteme prüfen Welche Kennzahl treibt welches Verhalten? Und welche Kosten tauchen im Reporting nicht auf (z. B. Nacharbeit, Qualitätsrisiko, Burnout, Kundenvertrauen)?


4) Gegenstimmen institutionalisieren Nicht „Widerspruch ist erlaubt“ (das ist Theater). Sondern: Widerspruch ist Pflicht – organisiert über Red-Team, unabhängige Reviews oder Rotation in Gremien.


5) Frontline-Feedback als Risikofrühwarnsystem Nicht als Stimmungsbarometer. Sondern als: „Welche Nebenwirkungen spürt der Maschinenraum, bevor die KPI-Ampel rot wird?“




Box zum Copy/Paste: Canvas „Warum wirkt diese Entscheidung wie Quatsch?“

Nutze das als Mini-Template (10–15 Minuten). Erst allein, dann abgleichen.


  1. Entscheidung & Kontext  Zeitpunkt, Scope, betroffene Bereiche)


  2. So wirkt es „unten“  (Symptome, Zitate, Verhalten)


  3. Offizielle Begründung „oben“  (Story, Argumente, Narrative)


  4. Matrix-Quadrant  (A/B/C/D)


  5. Dominante Linsen (Top 3)


  6. Annahmen & Unsicherheiten  (was muss wahr sein, damit es klappt?)


  7. Winners/Losers & Anreize  (wer profitiert, wer zahlt, welche KPI/Politik?)


  8. Risiken & Nebenwirkungen  (kurz/mittel/lang)


  9. Kommunikations- & Beteiligungsplan  (wer muss was verstehen/mitgestalten?)


  10. Experimente / Next Steps (14–30 Tage)


  11. Review-Datum & Erfolgsindikatoren  (woran merken wir: besser/schlechter?)




Mini-Selbstcheck: 8 Ja/Nein-Fragen (bitte ehrlich)

Beantworte sie für eine konkrete Entscheidung, die gerade „Quatsch-Energie“ erzeugt:


  1. Ja/Nein: Können wir in einem Satz sagen, welches Problem diese Entscheidung wirklich löst


  2. Ja/Nein: Sind die Trade-offs offen benannt (was wir bewusst schlechter machen)?


  3. Ja/Nein: Gibt es einen Owner, der die Entscheidung nicht nur verkündet, sondern verantwortet?


  4. Ja/Nein: Sind die Annahmen explizit (Zeit, Ressourcen, Akzeptanz, Technik, Markt)?


  5. Ja/Nein: Wurde geprüft, welche Kennzahlen/Anreize diese Entscheidung belohnt – und welche Kosten sie unsichtbar macht?


  6. Ja/Nein: Ist die Entscheidung strukturell anschlussfähig (Entscheidungsrechte, Schnittstellen, Ressourcen)?


  7. Ja/Nein: Gibt es ein Review-Datum – und ein echtes Stop-/Kill-Kriterium?


  8. Ja/Nein: Gibt es einen Raum, in dem Widerspruch ohne Karriereschaden möglich ist?


Wenn du hier mehr als drei Mal „Nein“ hast, ist das kein Grund für Scham. Es ist ein ziemlich klares Signal: Ihr braucht nicht mehr Motivation. Ihr braucht bessere Entscheidungsarchitektur.




Fazit: „Quatsch“ ist nicht peinlich. Ignorieren ist peinlich.

Eine Organisation muss nicht jede Entscheidung „popular“ machen. Aber sie muss Entscheidungen urteilsfähig machen: nachvollziehbar, ressourcengedeckt, überprüfbar.

Wenn du als Projektleitung heute nur eines tust, dann das:


Behandle „Quatsch“-Energie nicht als Meckern – sondern als Frühwarnsignal für Entscheidungsqualität.


Denn sonst passiert das, was ich seit Jahren sehe: Der Zynismus übernimmt. Und dann „funktioniert“ die Organisation noch – aber sie lernt nicht mehr.


Bis zum nächsten Mal.


Jörg Tausendfreund

Projektmanagement-Erklärer & Fan der offenen Worte


P.S.: Wenn du gerade denkst „Ja, okay, aber bei uns da oben…“ – Stopp. Dein Job ist nicht, „da oben“ zu hassen. Dein Job ist, das System so zu bauen, dass Realität wieder nach oben kommt. Das ist unbequem. Aber erstaunlich wirksam.


P.P.S.: Wenn du willst, machen wir aus diesem Canvas eine „Quatsch-Klinik“ als kompaktes Workshop-Format. Ohne Folien. Mit Ergebnis. (Ich verspreche: Es wird unangenehm – aber produktiv.)

 
 
 
bottom of page