top of page

„Wir kümmern uns.“

vor 10 Minuten
7 Min. Lesezeit
Wir kümmern uns.
Wir kümmern uns.

Warum das kein Meetingabschluss ist


Hallo, meine lieben Meetingüberlebenden, Schleifendreher und Freunde der professionellen Unverbindlichkeit!


Hier ist wieder Jörg Tausendfreund und es ist 16:57 Uhr.


Das Projektmeeting war intensiv. Die Diskussion war lebhaft. Die Perspektiven wurden ausgetauscht. Das Problem wurde von mehreren Seiten betrachtet. Jemand hat sogar eine ausgesprochen vernünftige Zusammenfassung formuliert.


Dann sagt die moderierende Person:

„Gut, dann nehmen wir das so mit.“


Eine andere ergänzt:

„Wir kümmern uns.“


Und aus der hinteren Reihe kommt noch:

„Den Rest klären wir bilateral.“


Alle nicken.

Das Meeting endet pünktlich.


Zwei Wochen später steht derselbe Punkt wieder auf der Agenda.

Nicht, weil niemand gearbeitet hätte. Nicht, weil die Beteiligten unzuverlässig wären. Und auch nicht, weil das Thema besonders komplex wäre.


Sondern weil am Ende niemand sauber geklärt hat:

  • Wer ist „wir“?

  • Was genau wird geklärt?

  • Bis wann?

  • Mit welchem erwarteten Ergebnis?

  • Wer muss anschließend entscheiden?

  • Und wie findet das Ergebnis zurück ins Projekt?


Das Meeting war kommunikativ erfolgreich.

Es wurde viel gesprochen.

Nur leider wurde nichts geschlossen.





Meetings scheitern häufig in den letzten zwei Minuten


Viele Meetings sind gar nicht so schlecht, wie hinterher behauptet wird.

Die Menschen sind vorbereitet. Die relevanten Informationen liegen vor. Unterschiedliche Sichtweisen werden sichtbar. Die Diskussion bringt tatsächlich Erkenntnis.


Und dann wird das Ergebnis in den letzten zwei Minuten wieder in Nebel verwandelt.


  • „Wir schauen uns das an.“

  • „Wir nehmen das mit.“

  • „Wir stimmen uns noch einmal ab.“

  • „Ich komme auf euch zu.“

  • „Das klären wir bilateral.“


Das sind keine Vereinbarungen.

Das sind sprachliche Beruhigungsmittel.


Sie erzeugen das angenehme Gefühl, dass es weitergeht, ohne jemanden mit der Zumutung konkreter Verantwortung zu belasten.


Sehr höflich.

Sehr kollegial.


Und für Projekte ausgesprochen teuer.

Denn jede offene Schleife erzeugt Koordinationsschuld.


Sie verzinst sich in:

  • Rückfragen.

  • Erinnerungsmails.

  • Doppelarbeit.

  • Widersprüchlichen Annahmen.

  • Neuen Meetings.

  • Später Eskalation.


Und der irritierten Frage:

„Warum ist das eigentlich noch offen?“




„Wir kümmern uns“ ist ein grammatisches Versteck


Schauen wir uns den Satz einmal genauer an.


„Wir kümmern uns.“


Wer ist „wir“?

  • Die Projektleitung?

  • Das Kernteam?

  • Der Einkauf?

  • Die beiden Menschen, die gerade zufällig besonders engagiert geschaut haben?

  • Oder alle gemeinsam – also praktisch niemand verbindlich?


Was bedeutet „kümmern“?

  • Information beschaffen?

  • Eine Entscheidung treffen?

  • Eine Vorlage erstellen?

  • Mit einem Stakeholder sprechen?

  • Eine technische Lösung prüfen?

  • Ein Risiko bewerten?


Und wann ist das Kümmern abgeschlossen?

  • Wenn gesprochen wurde?

  • Wenn eine Mail verschickt wurde?

  • Wenn eine Lösung vorliegt?

  • Wenn jemand anders entschieden hat?


„Wir kümmern uns“ klingt verantwortungsvoll.

Tatsächlich versteckt der Satz Verantwortung im Plural.


Und genau deshalb ist er so beliebt.

  • Niemand widerspricht.

  • Niemand fühlt sich übergangen.

  • Niemand muss im Moment eine konkrete Zusage machen.


Das Problem wandert einfach weiter.




„Wir nehmen das mit“ – wohin eigentlich?


Auch dieser Satz gehört zur Grundausstattung moderner Besprechungskultur.


„Wir nehmen das mit.“


Wohin?

  • In das nächste Meeting?

  • In den Führungskreis?

  • In einen Chatkanal?

  • In die persönliche Gedankenwelt einer Person, die danach drei andere Termine hat?

  • Oder in die große organisationale Ablage für Dinge, die alle wichtig fanden, aber niemand besitzen wollte?


„Wir nehmen das mit“ kann sinnvoll sein, wenn klar ist:

  • Wer nimmt es mit?

  • In welches Gremium?

  • Mit welcher konkreten Frage?

  • Bis wann?

  • Und wann kommt eine Antwort zurück?


Ohne diese Angaben ist „mitnehmen“ keine Steuerung.

Es ist logistische Poesie.




„Das klären wir bilateral“ – die freundliche Blackbox


Manche Themen gehören nicht in großer Runde ausdiskutiert.


  • Ein Konflikt zwischen zwei Personen.

  • Ein fachliches Detail.

  • Eine sensible Rückmeldung.

  • Eine kurze Abstimmung, die nur zwei Rollen betrifft.


Bilateral zu klären kann ausgesprochen sinnvoll sein.


Problematisch wird es, wenn „bilateral“ zum Ort wird, an dem Verantwortung aus dem gemeinsamen Raum verschwindet.


Dann wissen die anderen nicht:

  • Wer klärt mit wem?

  • Was ist die konkrete Fragestellung?

  • Was darf dort entschieden werden?

  • Welches Ergebnis braucht das Projekt?

  • Wann kommt es zurück?


Im schlimmsten Fall entstehen in den bilateralen Gesprächen mehrere unterschiedliche Teilentscheidungen.


Und beim nächsten gemeinsamen Termin stellt sich heraus:

Alle haben gesprochen.

Nur leider nicht über dasselbe.


Bilateral klären ist kein Problem. Bilateral verschwinden schon.



Ein gutes Gespräch ist noch kein gutes Meeting


Hier liegt ein wichtiger Unterschied.

Ein gutes Gespräch kann:

  • Perspektiven öffnen.

  • Verständnis schaffen.

  • Spannungen sichtbar machen.

  • Neue Ideen erzeugen.

  • Annahmen hinterfragen.


Ein gutes Meeting muss zusätzlich seinen Zweck erfüllen.

Und nicht jedes Meeting hat denselben Zweck.


Ein Informationsmeeting soll relevantes Wissen zugänglich und verständlich machen.


Ein Erkundungsmeeting soll Fragen, Hypothesen oder Optionen entwickeln.


Ein Koordinationsmeeting soll Arbeit, Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten ordnen.


Ein Entscheidungsmeeting soll eine belastbare Entscheidung erzeugen.


Wenn ihr nicht wisst, welcher dieser vier Zwecke gilt, bekommt ihr häufig von allem ein bisschen:

  • etwas Information,

  • etwas Diskussion,

  • etwas Koordination,

  • eine angedeutete Entscheidung

  • und sieben offene Schleifen.


Das fühlt sich produktiv an.

Bis ihr merkt, dass niemand weiß, was das Ergebnis war.




Der fehlende Teil im K4-Modell: Konsequenz


In einem vorangegangenen Beitrag habe ich das K4-Modell für Projektkommunikation beschrieben:


Kontext verstehen.
Klarheit schaffen.
Kontakt herstellen.
Konsequenz sichern.

Viele Meetings sind bei den ersten drei Punkten gar nicht schlecht.


Der Kontext wurde verstanden.

Die Lage ist klarer.

Die Beteiligten konnten ihre Sicht einbringen.


Und dann fehlt K4:

Konsequenz.


Was folgt jetzt aus dem Gespräch?

Nicht irgendwann.

Nicht ungefähr.

Nicht „wir“.

Sondern konkret.


  • Wer übernimmt was?

  • Bis wann?

  • In welcher Qualität?

  • Auf welcher Grundlage?

  • Mit welcher Rückkopplung?


Ohne Konsequenz bleibt Verständigung unvollständig.

Dann hat das Meeting zwar Denken ermöglicht, aber keine Handlungsfähigkeit erzeugt.




Der Decision Close: Sieben Antworten vor dem Ende


Ich empfehle für jedes entscheidungs- oder koordinationsrelevante Meeting einen kurzen Decision Close.


Kein zusätzliches Meeting.

Keine neue Methode mit Zertifizierungsbedarf.


Nur ein sauberer Abschluss.


Bevor ihr auseinandergeht, beantwortet ihr sieben Fragen.


1. Was ist entschieden?

Nicht:

„Wir tendieren zu Variante B.“


Sondern:

„Wir entscheiden uns für Variante B.“

Eine Tendenz ist noch keine Entscheidung.


2. Was ist ausdrücklich noch nicht entschieden?

Das ist genauso wichtig.

Sonst entstehen nach dem Meeting unterschiedliche Fantasien darüber, was angeblich ebenfalls vereinbart wurde.


Zum Beispiel:

„Entschieden ist der technische Lösungsweg. Noch offen sind Budgetfreigabe und Rollouttermin.“


3. Unter welchen Annahmen oder Bedingungen gilt die Entscheidung?

Viele Entscheidungen wirken nur unter bestimmten Voraussetzungen.


Zum Beispiel:

„Die Entscheidung gilt unter der Annahme, dass der Lieferant den Termin bis Mittwoch verbindlich bestätigt.“


Damit wird sichtbar, wann neu entschieden werden muss.


4. Wer übernimmt den nächsten konkreten Schritt?

Eine Person oder eine klar verantwortliche Rolle.

Nicht „das Team“.Nicht „wir“.Nicht „alle Beteiligten“.


Gemeinsame Arbeit kann mehrere Menschen umfassen.

Verantwortung braucht trotzdem einen sichtbaren Halter.


5. Bis wann?

Nicht „zeitnah“. Nicht „möglichst bald“. Nicht „vor dem nächsten Termin“.

Ein Datum. Wenn nötig eine Uhrzeit.


„Bis Mittwoch, 12 Uhr.“


Zeitnah ist kein Termin.

Es ist eine Stimmung.


6. Woran erkennen wir ein ausreichendes Ergebnis?

„Mit dem Lieferanten sprechen“ ist eine Aktivität.


Das benötigte Ergebnis könnte sein:


„Ein schriftlich bestätigter Liefertermin sowie zwei realistische Alternativen bei Terminabweichung.“


Das schützt vor dem berühmten Satz:

„Ich habe doch mit ihm gesprochen.“


7. Wann und wie erfolgt die Rückmeldung oder Überprüfung?

Das Ergebnis muss wieder in die Steuerung zurückfinden.


Per Eintrag im Projektsystem? Im nächsten Daily ?Als Entscheidungsgrundlage im Steering? Durch einen kurzen Rückmeldetermin?


Ohne Rückkopplung entsteht eine private Aktivität.

Aber noch keine geschlossene Projektschleife.




Ein Beispiel: vorher und nachher


Nehmen wir einen kritischen Liefertermin.


Im Meeting wird deutlich:

Ein Bauteil könnte zwei Wochen später kommen. Einkauf, Technik und Projektleitung diskutieren die Lage.


Der übliche Abschluss lautet:

„Der Einkauf kümmert sich noch einmal um den Lieferanten. Wir bleiben erst einmal bei Gelb.“


Klingt vernünftig.

Ist aber kaum steuerbar.


Der Decision Close könnte so aussehen:


Entschieden: Der aktuelle Meilensteinplan bleibt bis Mittwoch vorläufig bestehen.
Offen: Ob der Liefertermin belastbar bestätigt werden kann.
Annahme: Der Lieferant kann bis Mittwoch eine verbindliche Aussage treffen.
Verantwortung: Lara aus dem Einkauf klärt Liefertermin und Alternativoptionen.
Termin: Mittwoch, 12 Uhr.
Erwartetes Ergebnis: Schriftliche Bestätigung oder zwei belastbare Alternativen mit Kosten- und Terminauswirkung.
Rückkopplung: Donnerstag, 9 Uhr, entscheidet die Projektleitung über Replanung oder Eskalation.

Das dauert am Ende des Meetings vielleicht 90 Sekunden.

Aber diese 90 Sekunden können euch zwei weitere Meetings ersparen.




Warum wir so gern offenlassen


Offene Abschlüsse entstehen nicht nur durch schlechte Moderation.


Sie haben eine soziale Funktion.

  • „Wir“ schützt davor, eine Person festzulegen.

  • „Zeitnah“ schützt davor, einen realistischen Termin zu verhandeln.

  • „Bilateral“ schützt den Raum davor, einen Konflikt auszuhalten.


„Wir nehmen das mit“ schützt davor, sofort zu sagen, auf welcher Ebene entschieden werden muss.


Unverbindlichkeit hält den Moment angenehm.


Sie verschiebt nur die Kosten.

  • In Projekte.

  • In Teams.

  • In spätere Eskalationen.

  • In das nächste Statusmeeting.



Ein sauberer Abschluss kann deshalb kurz unangenehm werden.


Vielleicht sagt jemand:

„Bis Mittwoch schaffe ich das nicht.“

Gut.


Dann ist eine relevante Realität sichtbar.


Vielleicht wird klar:

„Ich kann das gar nicht entscheiden.“

Auch gut.


Dann kennt ihr die richtige Eskalationsebene.


Vielleicht widersprechen zwei Personen der vermeintlichen Entscheidung.

Noch besser, dass ihr es jetzt bemerkt – und nicht erst nach zwei Wochen Umsetzung.


Verbindlichkeit erzeugt nicht das Problem. Sie macht es sichtbar.




Der Decision Close ist keine Bürokratie


Manche Menschen hören sieben Abschlussfragen und denken sofort:

„Jetzt sollen wir jedes kleine Gespräch protokollieren.“


Nein.


Nicht jedes Gespräch braucht einen formalen Decision Close.

Nicht jeder Gedankenaustausch braucht Owner, Deadline und Qualitätskriterium.


Aber sobald ein Meeting:

  • eine Entscheidung trifft,

  • eine Aufgabe übergibt,

  • ein Risiko behandelt,

  • eine Abhängigkeit klärt

  • oder eine Zusage erzeugt,

braucht es einen geschlossenen Übergang in die Handlung.


Das ist keine Bürokratie.

Das ist Respekt vor der Zeit aller Beteiligten.


Denn was ist bürokratischer?

90 Sekunden Klarheit am Ende?


Oder drei Erinnerungsmails, zwei Rückfragen, ein erneutes Meeting und eine Eskalation, weil niemand dasselbe verstanden hat?




Die 90-Sekunden-Routine für euer nächstes Meeting


Probiert im nächsten relevanten Termin Folgendes:


Kurz vor dem Ende sagt die moderierende Person:


„Ich schließe unsere offenen Schleifen.

Bitte korrigiert mich, wenn ich etwas falsch verstanden habe.“


Dann formuliert sie sichtbar:

  • entschieden,

  • noch offen,

  • Annahmen,

  • Verantwortliche,

  • Termine,

  • erwartete Ergebnisse,

  • Rückkopplung.


Die benannten Verantwortlichen bestätigen ihre Zusage.

Relevanter Widerspruch wird dokumentiert.


Danach wird nicht automatisch die gesamte Diskussion neu eröffnet. Nur echte Missverständnisse oder nicht tragfähige Zusagen werden korrigiert.


Das Ganze dauert selten länger als zwei Minuten.

Und plötzlich besitzt das Meeting ein Ergebnis.

Nicht nur ein Ende.




Kompetenzaufbau statt Meetingdisziplin auf Zuruf


Meetings wirksam abzuschließen ist keine angeborene Begabung. Es ist Handwerk.


Ihr könnt lernen:

  • zwischen Diskussion und Entscheidung zu unterscheiden,

  • offene Schleifen zu erkennen,

  • Verantwortung präzise zu formulieren,

  • Ergebnisse statt Aktivitäten zu vereinbaren,

  • realistische Termine auszuhandeln,

  • Bedingungen und Annahmen sichtbar zu machen,

  • und Rückkopplung systematisch zu schließen.


Gerade Projektleitungen und mittlere Führungskräfte brauchen diese Kompetenz.


Denn sie stehen häufig an den Stellen, an denen unterschiedliche Bereiche, Interessen und Verantwortungen zusammenkommen.


Dort reicht es nicht, dass ein Meeting angenehm war.

Es muss arbeitsfähig machen.




Fazit: Ein Meeting braucht nicht nur ein Ende


„Wir kümmern uns.“

Mag sein.


„Wir nehmen das mit.“

Bestimmt.


„Das klären wir bilateral.“

Gute Idee.


Aber solange nicht klar ist, wer was bis wann mit welchem Ergebnis tut und wie das Resultat zurückkommt, habt ihr keine Vereinbarung.


Ihr habt eine offene Schleife.


Und offene Schleifen verschwinden nicht.


Sie tauchen wieder auf:

  • als Rückfrage,

  • als Missverständnis,

  • als Doppelarbeit,

  • als gelbe Ampel,

  • als neuer Tagesordnungspunkt.


Ein gutes Meeting endet deshalb nicht, wenn die Kalenderzeit abgelaufen ist.

Es endet, wenn sein Zweck erfüllt und der Übergang in die nächste Handlung geschlossen ist.


  • Was ist entschieden?

  • Was bleibt offen?

  • Wer übernimmt?

  • Bis wann?

  • Mit welchem Ergebnis?

  • Wann schauen wir wieder darauf?


Das ist kein Verwaltungsdetail.

Das ist Projektsteuerung.


Denn aus einem guten Gespräch wird erst dann ein gutes Meeting, wenn danach nicht nur alle mehr wissen. Sondern wenn klar ist, was jetzt passiert.


Euer Jörg Tausendfreund


P.S. Wenn im Protokoll steht „Wir kümmern uns zeitnah“, habt ihr keinen Verantwortlichen, keinen Termin und vermutlich bald ein weiteres Meeting.

 
 
 

Kommentare


bottom of page