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Agiles Theater

Warum so viele Teams agil spielen, ohne es zu sein



Hallo, meine lieben Sprint-Schauspieler und Retrospektiven-Romantiker!


Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund, Projektmanagement-Erklärer und der Mann,  der schon so viele „agile Transformationen“ gesehen hat, dass er inzwischen die stille Kunst beherrscht, in einem Daily einfach nur zuzuschauen und nach genau 10 Sekunden zu wissen:


Das hier ist agiles Theater.

Leichtes Grinsen, ernste Miene, bunte Boards, viele Post-its – aber null Wirkung.

Und heute reden wir genau darüber:


Warum so viele Teams nicht agil arbeiten, sondern agil aussehen. Und warum genau das Projekte zerstört.



1. Agiles Theater – die Aufführung, die niemand sehen wollte

Du erkennst agiles Theater an vier Dingen – und zwar sofort:


1. Daily Stand-up – die 15-Minuten-Netflix-Serie

Menschen reden über „Tasks“, nicht über echte Risiken. Niemand blockt jemanden, niemand eskaliert. Alle sagen „alles gut“. Alle wissen, dass nichts gut ist.


2. Sprint Review – PowerPoint statt Produkt

Agile Teams zeigen Ergebnisse.Theaterteams zeigen Folien.


3. Retrospektive – die Gruppentherapie ohne Konsequenzen

„Wir sollten besser kommunizieren.“„Wir brauchen mehr Zeit.“„Wir waren eigentlich gut.“→ Nächster Sprint, gleiche Probleme.


4. Backlog Refinement – das Wunschkonzert der Hoffnung

Was wichtig ist, entscheidet nicht der Wert, sondern der, der am lautesten ist. User Stories werden geschrieben wie Gedichte – schön, aber wirkungslos.



Agiles Theater ist keine Methode. Es ist ein Symptom.



2. Die wahre Ursache: Organisationen wollen die Post-its – nicht das Denken

Die meisten Unternehmen wollen Laptops auf, Boards voll, Meetings agil – aber sie wollen nicht:


  • echte Verantwortung,


  • echte Priorisierung,


  • echte Ownership,


  • echte Konsequenzen,


  • echte Produktorientierung.


Sie wollen die Effizienz der Agilität, aber nicht die Transparenz, die sie mit sich bringt.

Sie wollen die Schnelligkeit, aber nicht die ehrlichen Entscheidungen.

Sie wollen Teamautonomie, aber das Management will weiter alles entscheiden.


Man will die Oberfläche, nicht die Haltung. Das ist Theater.




3. Das Kernproblem: Das System ist nicht agil – aber alle tun so

Ein Team kann nicht agil werden, wenn das Umfeld klassisch bleibt.

Ein Team kann nicht schnell werden, wenn Führung langsam entscheidet.

Ein Team kann keine Risiken lösen, wenn es keine Befugnisse bekommt.

Ein Team kann nicht selbst-organisiert arbeiten, wenn es permanent aus Überlast und Multitasking besteht.

Ein Team kann kein Produkt liefern, wenn das Backlog ein politisches Wunschkonzert ist.


Agiles Theater entsteht aus Systemwidersprüchen – nicht aus Unfähigkeit.




4. Die Wahrheit über echte Agilität (und warum sie selten ist)

Echte Agilität ist unbequem. Sie verlangt:


  • Fokus (ein Team, ein Ziel – nicht fünf).


  • Ownership (ein echter Product Owner mit Mandat).


  • Wertorientierung (was bringt Nutzen, nicht was alle wollen).


  • Radikale Transparenz (auch wenn’s wehtut).


  • Entscheidungen im Takt (nicht erst nach drei Lenkungsausschüssen).


  • Konsequenzen (für Teams und Führung).


Echte Agilität ist kein Methodenkatalog – sie ist eine Erwachsenheitsform der Zusammenarbeit.




5. Drei Szenen, die jedes agile Theater entlarven

Szene 1: Das Schweige-Daily

Alle berichten. Niemand spricht über Hindernisse. Warum? Weil sie gelernt haben:


„Wenn du ein Risiko aussprichst, wirst du es selbst lösen müssen.“

Das ist Angstkultur, nicht Agilität.



Szene 2: Das Backlog der politischen Wünsche

Ein Backlog voller strategischer Ideen, aber null Wert, null Fokus, null Reihenfolge.

Das ist nicht Agilität. Das ist Wahlprogramm.



Szene 3: Die Retro der warmen Worte

Alle sprechen von „Teamgefühl“ und „Kommunikation“. Niemand spricht von Verantwortung, Entscheidungen oder Prioritäten.

Retro ohne Konsequenz ist Karaoke.




6. Der einfache-Selbsttest

Wie viel agiles Theater spielt ihr wirklich?


Beantworte jedes Statement mit Ja oder Nein:

  1. Wir haben mehr als 2 Prioritäten gleichzeitig.

  2. Unser Daily erzeugt selten echte Entscheidungen.

  3. Unser Product Owner entscheidet nicht – er moderiert.

  4. Unser Backlog ist eher Wunschliste als Wertliste.

  5. Wir starten mehr als wir abschließen.

  6. Unsere Retro führt selten zu sichtbaren Veränderungen.

  7. Führung sagt „ihr seid selbstorganisiert“, entscheidet aber alles selbst.

  8. Wir arbeiten gleichzeitig in zu vielen Projekten.

  9. Risiken werden spät – oder gar nicht – benannt.

  10. Das Team kennt nicht die echte Unternehmensstrategie.


Auswertung:

  • 0–3 Ja: Ihr seid kein Theater – ihr seid selten. Glückwunsch.

  • 4–6 Ja: Ihr seid auf dem Weg – aber ihr spielt noch mit Requisiten.

  • 7–10 Ja: Willkommen auf der Bühne. Ihr seid mitten im agilen Theater.


Keine Scham. Nur Erkenntnis.




7. Der Weg aus dem Theater – zurück zur echten Agilität

1. Priorisieren mit Konsequenz

Wenn ihr fünf „Top-1“-Themen habt, habt ihr keines.


2. Ownership klären

Ein Product Owner ohne Macht ist ein Kalender-Manager.


3. Takt erzwingen

Wöchentliche Entscheidungen. Verbindlich. Ohne Ausnahme.


4. Fokus herstellen

Lieber ein großes Ergebnis als fünf halbfertige Artefakte.


5. Kultur in den Mittelpunkt stellen

Psychologische Sicherheit + Konsequenz = echte Agilität.


6. Backlog neu denken

Wert. Nutzen. Risiko. Nicht: politische Wünsche.




8. Der schönste Teil: Agiles Theater zu verlassen fühlt sich großartig an

Wenn ein Team zum ersten Mal merkt, dass es wirklich liefern kann – dass Meetings Sinn ergeben – dass Entscheidungen fließen – dass Prioritäten klar sind – dass Verantwortung Freude macht –

… dann passiert etwas Wunderbares:


Aus Theater wird Zusammenarbeit. Aus Post-its wird Produktivität. Aus Rollen wird Verantwortung. Aus Frust wird Flow.

Das ist der Moment, in dem Agilität nicht gespielt, sondern gelebt wird.




Fazit: Agiles Theater ist eine Einladung –
eine Einladung zur Wahrheit

Agiles Theater ist kein Versagen. Es ist ein Symptom.


Ein Zeichen, dass die Organisation wachsen will, aber noch nicht weiß, wie.


Die gute Nachricht? Ihr müsst nicht perfekt werden. Ihr müsst nur ehrlich werden.

Agilität heißt nicht „neue Meetings“. Agilität heißt neue Haltung.


Bis zum nächsten Mal.


Jörg Tausendfreund

Projektmanagement-Erklärer & Agilitäts-Befürworter


P.S.: Wenn du heute nur einen Schritt gehst: Nimm dein nächstes Daily – und frage nur eine Frage:


„Was hält uns gerade wirklich auf?“ Wenn Stille kommt, weißt du, wo du anfangen musst.

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