Zwischen Chaos und Kontrolle
- Jörg Tausendfreund
- 29. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Warum VUCA kein Ausnahmezustand mehr ist, sondern Führungskompetenz
Hallo, meine lieben Geschäftsführer:innen, Bereichsleiter:innen – und ja, auch ihr standhaften Projektleiter:innen!
Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund, Projektmanagement-Erklärer und der Mann, dem schon öfter der Kaffee kalt wurde, weil sich über Nacht die Welt verändert hat. Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern so regelmäßig, dass ich irgendwann aufgehört habe, mich darüber zu wundern.
Meine zentrale Botschaft zum Jahreswechsel 2025/2026 lautet deshalb:
VUCA ist kein Störfaktor mehr. VUCA ist der Normalzustand.
Und genau daran scheitern aktuell viele Organisationen. Nicht, weil sie zu wenig planen. Sondern weil sie mit Denkmodellen aus einer stabilen Welt versuchen, eine instabile zu beherrschen.
Der Moment, in dem alles kippt
Ich erinnere mich noch gut an einen Morgen im August. Projekt „Phönix“. Wochenlang sauber geplant. Alle Meilensteine abgestimmt. Stakeholder beruhigt. Alles schien unter Kontrolle.
Dann – innerhalb weniger Stunden:
eine neue Initiative der Geschäftsleitung,
ein Kundenwunsch, der das Zielbild verschob,
ein Lieferant, der durch geopolitische Spannungen ausfiel,
und ein frisch eingeführtes HR-Tool, das plötzlich Daten produzierte, die niemand einordnen konnte.
Die Pläne waren wertlos. Die Daten widersprüchlich. Die Verantwortung diffus.
Und während ich auf meinen mittlerweile kalten Kaffee schaute, wurde mir klar:
Das fühlt sich nicht mehr nach Ausnahme an. Das fühlt sich nach Alltag an.
Wenn du ähnliche Momente kennst – dieses Gefühl von Kontrollverlust trotz hoher Kompetenz – dann bist du nicht schlecht. Du arbeitest nur in einer Welt, die sich grundlegend verändert hat.
VUCA – ein Modell, das 2025 härter denn je zuschlägt
VUCA ist kein Buzzword. Es ist der Versuch, eine Realität zu beschreiben, die wir täglich erleben:
Volatilität – Dinge ändern sich schneller, als wir reagieren können.
Unsicherheit – wir wissen, dass etwas passiert, aber nicht was genau.
Komplexität – Ursachen und Wirkungen sind nicht mehr linear.
Ambiguität – es fehlt jede Erfahrungsgrundlage.
Neu für das Jahr 2026 ist nicht VUCA selbst. Neu ist die Gleichzeitigkeit:
Alles passiert parallel. Permanent. Und mit direkter Wirkung auf Projekte, Menschen und Entscheidungen.
Die gute Nachricht: VUCA lässt sich nicht beseitigen – aber führen.
Die vier VUCA-Dimensionen – und was Führung heute wirklich braucht
1. Volatilität: Wenn Pläne schneller veralten als sie freigegeben werden
In einer volatilen Welt ist langfristige Detailplanung keine Stärke mehr, sondern ein Risiko.
Der Führungsfehler: Noch mehr Planung.
Der Führungshebel: Takt und Anpassungsfähigkeit.
Arbeiten in kurzen Zyklen statt in Jahresplänen
Klare Prioritäten pro Woche
Entscheidungsfähigkeit dort, wo Information entsteht
Agilität bedeutet hier nicht Methoden, sondern Reaktionsgeschwindigkeit mit Richtung.
2. Unsicherheit: Wenn der Nebel dichter wird
Unsicherheit lähmt. Vor allem Führungskräfte, die glauben, alles wissen zu müssen.
Der Führungsfehler: Auf Gewissheit warten.
Der Führungshebel: Verstehen statt Vorhersagen.
Szenarien denken statt Prognosen
Wahrscheinlichkeiten benennen
aktiv Informationen sammeln
Führung heißt nicht, Antworten zu haben. Führung heißt, die richtigen Fragen zu stellen.
3. Komplexität: Wenn alles mit allem zusammenhängt
Komplexität überfordert lineares Denken. Mehr Kontrolle verschlimmert das Problem.
Der Führungsfehler: Mikromanagement.
Der Führungshebel: Klarheit durch Struktur.
Abhängigkeiten sichtbar machen
Rollen und Entscheidungswege klären
Komplexes in handhabbare Einheiten zerlegen
Komplexität braucht Ordnung – aber keine Starrheit.
4. Ambiguität: Wenn es keine Landkarte mehr gibt
Ambiguität ist der Moment, in dem Erfahrungswissen versagt.
Der Führungsfehler: Abwarten.
Der Führungshebel: Experimentieren.
Hypothesen statt Pläne
kleine Tests statt großer Würfe
Fehler als Information
Hier zeigt sich Führungsreife: Wer handeln kann, ohne zu wissen, ob es richtig ist, hat verstanden, was Führung heute bedeutet.
Der Ordnungsrahmen: VUCA führen statt bekämpfen
Führung in VUCA heißt nicht, Chaos zu eliminieren.
Es heißt:
Orientierung geben
Entscheidungen treffen
Verantwortung klären
Lernen ermöglichen
Nicht alles gleichzeitig. Aber konsequent.
Der einfache Selbstcheck:
Wie VUCA-fest ist deine Führung?
Beantworte ehrlich mit Ja oder Nein:
Wir priorisieren wöchentlich und stoppen aktiv Vorhaben.
Entscheidungen haben klare Fristen.
Unsere Führungskräfte sprechen offen über Unsicherheit.
Rollen und Verantwortlichkeiten sind eindeutig.
Wir arbeiten mit Szenarien statt mit Wunschplänen.
Wir testen Neues bewusst in kleinen Schritten.
Fehler werden ausgewertet, nicht sanktioniert.
Projekte werden regelmäßig angepasst, nicht nur dokumentiert.
Auswertung:
0–2 Ja: Klassisches Denken in instabiler Welt – hohes Risiko.
3–5 Ja: Übergangsphase – Potenzial vorhanden.
6–8 Ja: VUCA-feste Führung – ihr gestaltet statt reagiert.
Fazit zum Jahreswechsel
2026 wird nicht ruhiger. Aber es kann klarer werden.
Nicht durch bessere Tools. Nicht durch detailliertere Pläne.
Sondern durch Führung, die akzeptiert, dass Stabilität nicht zurückkommt – und trotzdem Orientierung schafft.
VUCA ist kein Gegner. VUCA ist der Prüfstein moderner Führung.
Bis zum nächsten Mal.
Jörg Tausendfreund
Projektmanagement-Erklärer & VUCA-Begleiter
P.S.: Egal, wie du damit umgehst, die wichtigste Frage bleibt dieselbe – Wo versuchst du noch zu kontrollieren, wo du eigentlich führen müsstest?








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