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Agilität scheitert selten am Team – meistens scheitert sie an eurer Freigabekette

Agilität scheitert selten am Team
Agilität scheitert selten am Team

Hallo, meine lieben Sprintromantiker!


Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund, Projekt-Stratege und der Mann, der schon mehr agile Anläufe hat scheitern sehen, als es Kugelschreiber (ganz schön viele) bei mir auf dem Schreibtisch gibt.


Heute reden wir über ein Thema, das in erstaunlich vielen Unternehmen als Fortschritt verkauft wird und in der Praxis oft nur eins produziert: besser organisiertes Warten.


Die Formel lautet dann ungefähr so: Das Team soll agil arbeiten. Die Organisation soll bitte so bleiben, wie sie ist. Die Hierarchie entscheidet weiter. Die Budgets laufen weiter im Jahresrhythmus.Die Experten hängen weiter in vier Projekten gleichzeitig. Und das PMO möchte montags bitte noch die Ampelfarbe.


Herzlichen Glückwunsch. Das ist keine Agilität. Das ist Agilität in Handschellen. Und genau deshalb scheitert Agilität so selten am Team und so oft an der Struktur um das Team herum.




Ihr wollt Tempo, aber behaltet die Bremse


Viele Unternehmen wollen schnellere Teams, ohne ernsthaft Macht zu verschieben. Das ist ungefähr so intelligent wie der Wunsch nach besserem Fahrverhalten bei angezogener Handbremse.


Denn was passiert in der Realität?


  • Das Team darf Aufgaben umsortieren, aber nicht wirklich priorisieren.

  • Es darf in Sprints denken, aber nicht über Ressourcen verfügen.

  • Es soll Verantwortung übernehmen, aber relevante Entscheidungen bleiben oben kleben wie alter Kaugummi unter dem Sitzungstisch.


Und dann wundert man sich, dass Sprints zu Eskalationsschleifen werden.

Was soll ein Team denn bitteschön iterativ lernen, wenn jede wichtige Entscheidung erst durch drei Freigaben, zwei Sonderinteressen und ein Governance-Nadelöhr muss?

Selbstorganisation ohne echte Entscheidungsrechte ist kein Empowerment. Das ist dekorativ verpackte Ohnmacht.




Ein Daily ist kein Bolzenschneider


Jetzt kommt der Teil, den manche Agilitätsfreunde nicht so gern hören:

Ein Board löst kein Silo auf. Ein Daily repariert keine Mehrfachzuordnung. Eine Retrospektive hebt keine blockierte Schnittstelle aus dem Weg. Und ein noch so sauber moderiertes Sprint Review ersetzt keine klare Führungsentscheidung.


Aus meiner Werkstatt kenne ich diese Szenerie nur zu gut:

  • Das Team plant ordentlich.

  • Es visualisiert Arbeit.

  • Es liefert Zwischenstände.

  • Alle benutzen fleißig die richtigen Wörter.


Und trotzdem verhungert jeder zweite Fortschritt an derselben Stelle:

  • Architekturfreigabe,

  • Security,

  • Einkauf,

  • Lenkungskreis,

  • Linienvorrang,

  • Sonderwünsche von außen.


Formal iterativ. Strukturell ausgehungert.

Oder einfacher gesagt:

Ihr habt kein agiles Problem. Ihr habt ein Organisationsproblem mit bunten Haftnotizen.




Nicht alles muss agil sein. Aber irgendjemand muss das Zusammenspiel bauen.


Jetzt bitte keine falsche Romantik in die andere Richtung.

Nicht alles muss agil organisiert sein. Routine darf stabil sein. Compliance ist kein Hobby. Sicherheit ist kein nostalgischer Restbestand aus dem letzten Jahrhundert. Es gibt genug Kontexte, in denen Verlässlichkeit, Nachvollziehbarkeit und klare Regeln absolut sinnvoll sind.


Der Denkfehler liegt woanders.


Die Frage ist nicht:

„Agil oder nicht agil?“


Die klügere Frage lautet:

„Welche Arbeit braucht wie viel lokale Entscheidung, wie viel Lernschleife und wie viel stabile Leitplanke?“


Genau hier wird Hybridfähigkeit interessant. Und ehrlicherweise ist Hybridfähigkeit in vielen Organisationen die deutlich erwachsenere Lösung als dieses ewige Vollagilisierungs-Geraune.


Denn die Realität ist hybrid. Komplexe Arbeit braucht Anpassungsfähigkeit. Regulierte Arbeit braucht Leitplanken.


Die Kunst besteht darin, das Zusammenspiel sauber zu bauen, statt ständig so zu tun, als würde ein neues Ritual den Widerspruch schon wegmoderieren.




Fünf Warnsignale aus dem Agilitätstheater


Wenn du wissen willst, ob ihr gerade ernsthaft an Arbeitsfähigkeit baut oder nur Agilität nachspielt, schau auf diese fünf Punkte:


1. Selbstorganisation endet dort, wo es relevant wird. Sobald es um Prioritäten, Eskalationen oder Ressourcen geht, entscheidet wieder die Hierarchie.


2. Das Team existiert nur auf dem Organigramm. Im Alltag sind die Leute gleichzeitig in drei Initiativen, zwei Linienaufgaben und einem Sonderprojekt.


3. Kundenorientierung wird beschworen, aber Feedback bleibt gefiltert. Nutzerkontakt läuft über Gremien, Übersetzer, Politik und Bauchgefühl.


4. Gemessen wird Input, aber gepredigt wird Outcome. Auslastung, Budgettreue und Planerfüllung regieren. Nutzen, Durchlaufzeit und Lerngeschwindigkeit dürfen hübsch in Folien wohnen.


5. Retrospektiven drehen Runden, aber die Struktur bleibt unberührt. Das Team reflektiert fleißig. Die eigentlichen Blockaden bleiben, wo sie sind.


Wenn du dich in drei dieser fünf Punkte wiedererkennst, seid ihr nicht agil. Ihr seid bestenfalls beweglich im Vokabular.




Mein Hybrid-Realitätscheck für morgen früh


So. Jetzt nicht jammern. Jetzt arbeiten.


Wenn du in deinem Umfeld etwas verbessern willst, fang mit diesen fünf Fragen an:


1. Welche Entscheidungen delegieren wir dem Team tatsächlich – und welche ausdrücklich nicht? Nicht ungefähr. Nicht gefühlt. Sauber geklärt.


2. An welchen Schnittstellen verlieren wir heute am meisten Zeit, Qualität oder Verantwortung? Nicht im Bauch. Konkret. Benannt. Sichtbar.


3. Ist das Team stabil genug, um überhaupt iterativ wirksam zu werden? Oder besteht es aus zusammengeborgten Kalenderresten?


4. Hat das Team direkten Zugang zu Bedarf, Wirkung und Rückmeldung? Oder wird alles durch Hierarchie, Politik und Meetingfilter püriert?


5. Welche Kennzahlen fördern Lernen und Nutzen – und welche nur Absicherung und Schönfärberei? Diese Frage tut oft weh. Genau deshalb ist sie nützlich.


Und noch ein sechster, geschenkter Punkt für Führungskräfte: Wenn ihr Selbstorganisation fordert, dann klärt Leitplanken, schützt Fokus und räumt Hindernisse weg. Weniger Mikromanagement reicht nicht. Führung verschwindet nicht. Sie wechselt nur vom Dauereingriff zur Rahmensetzung.




Fazit: Besser organisiertes Warten ist kein Fortschritt


Agiles Arbeiten in nicht-agilen Strukturen kann funktionieren. Aber nicht als methodische Kosmetik. Und schon gar nicht als Kulturfolklore mit Board, Daily und Hoffnungsmanagement.


Es funktioniert nur dann, wenn ihr den Widerspruch ernst nehmt:

  • klare Entscheidungsräume

  • stabile Teams

  • saubere Schnittstellen

  • direkte Rückkopplung

  • Führung mit Rückgrat

  • Governance als Leitplanke statt als Dauerfessel


Wer Tempo will, muss Verantwortung, Priorisierung und Macht ehrlich sortieren.

Alles andere ist kein Fortschritt. Alles andere ist nur besser organisierte Frustration.


Bis zum nächsten Mal.


Jörg Tausendfreund

Projektmanagement-Erklärer & Freund der "echten" Agilität



P.S.: Wenn euer größter Agilitätshebel gerade ein neues Board ist, habt ihr vermutlich nicht die Arbeit verändert. Nur die Wand.

 
 
 

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