Gute Führung beginnt nicht bei Obstkorb und Teamtag
- Jörg Tausendfreund
- 23. März
- 7 Min. Lesezeit

Sondern bei Klarheit, Wirksamkeit und dem Mut, Menschen nicht mit Motivationstheater zu verwechseln
Hallo, meine lieben Teamleiter:innen, Geschäftsführer:innen und Projektverantwortlichen mit zu vielen gut gemeinten Ideen!
Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund, Projekt-Stratege und der Mann, der schon so viele Motivationsprogramme, Kulturinitiativen und „Mitarbeiterbindungsmaßnahmen“ gesehen hat, dass er inzwischen leicht nervös wird, sobald irgendwo jemand „Wir müssen die Leute nur wieder mehr abholen“ sagt.
Denn genau da beginnt oft das Problem.
Meine These für heute ist unbequem, aber nötig:
Gute Führung beginnt nicht bei Obstkorb und Teamtag, sondern bei Klarheit, Wirksamkeit und Ressourcenwahrheit.
Oder noch deutlicher:
Wo du Menschen für fehlende Motivation verantwortlich machst, obwohl du ihnen keine klare Richtung, keine echte Wirksamkeit und keine realistische Arbeitsfähigkeit gibst, betreibst du Demotivation mit guter Absicht.
Das ist hart formuliert.Aber leider jeden Tag zu beobachten.
Die Szene, die du kennst
– auch wenn du sie ungern zugibst
Montagmorgen im Mittelstand.
Das Führungsteam hat gute Absichten. Immer.Es gibt einen Teamtag im Kalender.Vielleicht eine kleine Zufriedenheitsumfrage.Vielleicht ein neues Format für „mehr Austausch“.Und irgendwo steht ein Korb mit Obst, der sich redlich bemüht, Kultur zu sein.
Gleichzeitig passiert Folgendes:
Die Projektleitung jongliert drei Initiativen parallel.
Die Teamleitung ist mehr im Tagesgeschäft als in Führung.
Entscheidungen kommen spät oder diffus.
Prioritäten wechseln, aber keiner sagt es klar.
Menschen sollen „Verantwortung übernehmen“, aber haben weder Zeit noch Mandat noch Orientierung.
Und dann wundert man sich, dass die Stimmung kippt.
Nicht brutal.Nicht spektakulär.Sondern leise.
Die Energie sinkt.Die Fehler steigen.Das Engagement wird funktional.Und irgendwann sagen Leute solche Sätze wie:
„Ich mach halt meinen Job.“„Ist doch eh egal, was man sagt.“„Das nächste Projekt kommt sowieso, bevor das hier sauber fertig ist.“
Und jetzt kommt der Meilenstein-Satz, den du dir bitte hinter die Stirn tackern darfst:
Motivation ist kein Appell. Motivation ist das Ergebnis brauchbarer Bedingungen.
Der große Denkfehler:
Motivation wird behandelt wie ein Charakterthema
Wenn Menschen im Projekt oder im Team nicht mehr richtig ziehen, gibt es in vielen Unternehmen drei Standardreaktionen:
Mehr Kommunikation
Mehr Teammaßnahmen
Mehr Appelle an Haltung, Engagement und Verantwortung
Das Problem ist nur:Diese Reaktionen setzen fast immer am falschen Ende an.
Denn die eigentliche Frage lautet nicht:
„Wie motivieren wir die Leute mehr?“
Sondern:
„Was in unserem Führungs- und Arbeitsalltag macht es gerade eigentlich schwer, motiviert zu bleiben?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Die erste Frage klingt nach Maßnahme.Die zweite nach Realität.
Und in der Realität entstehen Motivation und Demotivation meist nicht aus Persönlichkeitsdefiziten, sondern aus Systembedingungen.
Warum das gerade für erfolgreiche Projektarbeit so entscheidend ist
Ich sag’s bewusst deutlich:Projektarbeit ist heute für viele Menschen der Ort, an dem sich Führungsqualität brutal ehrlich zeigt.
Warum?
Weil Projekte wie unter einem Brennglas verstärken, was in der Organisation sowieso schon da ist:
Unklarheit wird im Projekt zur Eskalation.
Überlast wird im Projekt zur Dauerüberforderung.
fehlende Priorisierung wird im Projekt zur Ressourcen-Schlacht.
schwache Führung wird im Projekt sofort spürbar, weil niemand weiß, woran man sich orientieren soll.
Das heißt:
Wenn du Führung im Projektkontext verstehst, verstehst du oft die Wahrheit über Führung in der Organisation insgesamt.
Projektleiter:innen merken das besonders schnell.Nicht, weil sie sensibler wären.Sondern weil sie mitten in der Reibung sitzen.
Sie spüren zuerst:
dass Ziele nicht klar genug sind
dass Menschen zwar Aufgaben haben, aber kein echtes Gefühl von Wirksamkeit
dass Teams „mitlaufen“, aber innerlich nicht mehr mitgehen
dass Ressourcen so geplant werden, als gäbe es keine Grenzen
und dass Führung häufig dort aufhört, wo die Kalender voll werden
First Principles:
Woraus Motivation im Kern wirklich entsteht
Wenn wir das Thema einmal nicht romantisch, sondern sauber zerlegen, landen wir ziemlich schnell bei ein paar Grundfragen.
Nicht:„Wie schaffen wir mehr Motivation?“
Sondern:„Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit Menschen Motivation überhaupt entwickeln und halten können?“
Und genau hier wird es spannend. Denn wenn man Führung auf ihre Grundprinzipien herunterbricht, dann geht es aus meiner Sicht im Kern um drei Dinge:
1. Klarheit
Menschen brauchen Orientierung. Nicht Perfektion, aber Richtung.
2. Wirksamkeit
Menschen wollen spüren, dass ihr Beitrag etwas verändert.
3. Ressourcenfit
Menschen brauchen realistische Arbeitsbedingungen – nicht Dauerüberforderung mit motivierenden Worten.
Alles andere – Teamtag, Werteposter, Feelgood-Maßnahmen – kann ergänzen.Aber nichts davon ersetzt die Basics.
1. Klarheit vor Motivation
Lass uns mit dem größten Führungsfehler anfangen.
Viele Führungskräfte glauben, Motivation entstehe vor allem aus guter Stimmung.Ich halte das für einen der hartnäckigsten Irrtümer der modernen Arbeitswelt.
Denn Menschen brauchen nicht zuerst Stimmung.Sie brauchen zuerst Klarheit.
Klarheit über:
Was ist hier eigentlich wirklich wichtig?
Was ist das Ziel?
Was hat Vorrang, wenn es eng wird?
Wer entscheidet was?
Woran erkennen wir, dass wir gut unterwegs sind?
Was gilt – und was gilt nicht mehr?
Wenn diese Dinge unklar sind, passiert etwas sehr Verlässliches:Die Menschen beginnen, ihre eigene Orientierung zu bauen.
Und das Ergebnis sieht dann so aus:
Jeder setzt andere Prioritäten.
Jede Abteilung versteht „wichtig“ anders.
Projektteams diskutieren nicht mehr über Lösungen, sondern über Richtung.
Und Führung wundert sich, warum „die Leute nicht richtig mitziehen“.
Weil sie nicht wissen, wohin.
Die unbequeme Wahrheit
Ruhige Teams sind nicht automatisch motivierte Teams.Manchmal sind es einfach Teams, die aufgehört haben, Orientierung zu erwarten.
Und das ist einer dieser Sätze, die wehtun, aber oft stimmen:
Wo Führung keine Klarheit liefert, erzeugt sie stillen Rückzug.
Gerade im Projektkontext ist das tödlich.Denn dort ist Unklarheit nicht einfach nur unerquicklich – sie kostet Zeit, Qualität und Vertrauen.
2. Wirksamkeit, Zugehörigkeit und Autonomie vor Aktivierung
Jetzt kommen wir zum zweiten Punkt, der oft dramatisch missverstanden wird.
Viele Unternehmen versuchen Motivation dadurch zu erzeugen, dass sie Menschen „aktivieren“ wollen.
Mehr Energie.Mehr Beteiligung.Mehr Eigenverantwortung.
Klingt gut. Scheitert aber oft an einer simplen Frage:
Wobei genau sollen Menschen eigentlich Eigenverantwortung zeigen, wenn sie weder Gestaltungsspielraum noch sichtbare Wirkung haben?
Wirksamkeit
Menschen müssen spüren, dass ihr Beitrag etwas verändert.Nicht theoretisch. Praktisch.
Wenn jemand in einem Projekt drei Wochen arbeitet, und am Ende wird die Entscheidung trotzdem im Gremium zerredet, dann entsteht kein Motivationsschub. Dann entsteht Frustration.
Wenn ein Team ständig Rückfragen liefert, Risiken meldet und Verbesserungsideen formuliert – und nichts davon schlägt sich sichtbar nieder, dann wächst keine Motivation. Dann wächst Zynismus.
Wirksamkeit ist der Moment, in dem Menschen erleben: Mein Handeln macht einen Unterschied.
Zugehörigkeit
Und ja, Zugehörigkeit ist wichtig.Aber nicht im Sinne von „wir mögen uns alle“.Sondern im Sinne von:
„Ich bin hier ein relevanter Teil eines Ganzen.“
Das ist im Projekt besonders wichtig.Projektteams ziehen oft nur dann wirklich, wenn sie nicht bloß Aufgabenempfänger sind, sondern Mitgestalter von etwas, das Sinn ergibt.
Autonomie
Und dann kommt der Punkt, über den viele Führungskräfte gern reden – aber erschreckend ungern liefern:
Autonomie.
Nicht totale Freiheit.Nicht „macht mal, was ihr wollt“.Sondern:
Handlungsspielraum innerhalb klarer Leitplanken
Vertrauen in Urteilsfähigkeit
Entscheidungsräume, die nicht beim ersten Fehler wieder kassiert werden
Projektteams, die ständig Rückfragen nach oben geben müssen, werden nicht langsamer, weil sie dumm sind.Sie werden langsamer, weil das System sie nicht ernsthaft entscheiden lässt.
Und dann wundert man sich über mangelnde Ownership.
Typische Fehlannahmen über Motivation
1. „Menschen brauchen mehr Incentives“
Nein. Viele brauchen weniger Reibung, mehr Klarheit und weniger Unsicherheit.
2. „Psychologische Sicherheit heißt Harmonie“
Nein. Psychologische Sicherheit heißt: unangenehme Wahrheiten dürfen früh gesagt werden.
3. „Eigenverantwortung kann man einfach einfordern“
Nein. Eigenverantwortung ohne Einfluss ist eine höfliche Form von Überforderung.
4. „Widerstand ist mangelnde Motivation“
Nein. Widerstand ist oft ein Hinweis darauf, dass jemand etwas sieht, das andere lieber übergehen.
5. „Wenn wir besser kommunizieren, wird das schon“
Nicht, wenn die Realität die Botschaft widerlegt.
3. Ressourcenfit vor Durchhalteparolen
Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, über den viele Führungskräfte am liebsten schweigen, weil er so unerquicklich ist:
Die besten Führungsimpulse nützen nichts, wenn die Arbeitswirklichkeit permanent überzogen ist.
Du kannst keine Motivation stabil halten, wenn Menschen dauernd auf Verschleiß fahren.
Was ich in Mittelstand und Projektarbeit immer wieder sehe:
Projektleiter:innen mit drei bis fünf parallelen Vorhaben
Teamleitungen, die fachlich mitarbeiten und „nebenbei“ führen sollen
Schlüsselpersonen, die permanent als Engpass durch mehrere Projekte geschoben werden
Kalender voller Abstimmungen, aber keine echte Zeit für Fokussierung, Denken oder Führung
Und dann kommt dieser Satz:
„Wir müssen jetzt alle nochmal die Extra-Meile gehen.“
Nein. Müssen wir nicht.Manchmal müssen wir einfach nur aufhören, Menschen so zu verplanen, als wären sie unbegrenzt skalierbare Betriebsmittel.
Ressourcenfit heißt:
Arbeitsmenge und Erwartung passen zusammen
Prioritäten sind realistisch
Engpassrollen werden geschützt
Führung ist als Arbeit eingeplant – nicht als spontane Nebenbeschäftigung
Projekte werden reduziert, bevor Menschen kaputtoptimiert werden
Durchhalteparolen sind oft der rhetorische Versuch, ein Strukturproblem psychologisch zu lösen.
Das funktioniert kurz. Und dann gar nicht mehr.
Projektkontext konkret:
Warum gute Leute in Projekten langsam aussteigen
Vielleicht ist das der wichtigste Projekt-Satz dieses Artikels:
Viele Menschen verlieren nicht die Motivation für Arbeit.Sie verlieren die Motivation für ein System, das ihre Energie schlecht nutzt.
Im Projekt zeigt sich das dann so:
Sie machen nur noch das Nötigste.
Sie gehen Risiken nicht mehr proaktiv an.
Sie bringen keine Ideen mehr.
Sie halten still, statt kritisch mitzudenken.
Sie retten Aufgaben – aber nicht mehr das Gesamtprojekt.
Und genau das wird dann oft als „fehlendes Engagement“ gelesen.
Ich lese es anders.
Ich lese es als Führungs- und Strukturfeedback.
Fünf Hebel im Alltag
Wenn du morgen um 9 anfangen willst, dann nicht mit einem Motivationsworkshop.
Sondern mit diesen fünf Fragen:
Was ist bei uns gerade wirklich wichtig – und was nur laut?
Wissen die Leute, woran sie hier tatsächlich gemessen werden?
Wo erleben sie gerade sichtbar Wirksamkeit – und wo nicht?
Welche Entscheidung bremst das Team, weil niemand sie sauber trifft?
Welche Überlast wird aktuell mit Haltung statt mit Priorisierung beantwortet?
Diese Fragen bringen dich schneller zum Kern als jede Mitarbeiterbefragung mit Smiley-Skala.
Dein Selbstcheck
Beantworte die folgenden Fragen ehrlich mit Ja oder Nein.Und wenn du mutig bist:
Nimm dein Team dazu.
Ist für dein Team glasklar, was aktuell wirklich Priorität hat?
Gibt es in deinem Bereich Situationen, in denen Menschen sichtbar Wirkung erleben?
Haben Mitarbeitende echte Entscheidungsspielräume – oder nur Aufgabenpakete?
Sind die wichtigsten Rollen realistisch eingeplant – inklusive Führungszeit?
Werden unangenehme Wahrheiten früh ausgesprochen – ohne dass Menschen dafür bezahlen?
Wissen deine Leute, woran Erfolg wirklich gemessen wird?
Reduziert ihr aktiv Arbeit, wenn Ressourcen nicht reichen – oder erhöht ihr nur den Druck?
Können Projektleitungen Entscheidungen beeinflussen – oder nur verwalten?
Gibt es bei euch mehr Klarheit als Appelle?
Würdest du sagen, dass Motivation bei euch eher aus Arbeitsbedingungen entsteht – oder aus gut gemeinten Maßnahmen?
Auswertung
8–10 × Ja: Stark. Dann habt ihr wahrscheinlich mehr Führung als Folklore.
5–7 × Ja: Solide Basis, aber einige strukturelle Risiken.
0–4 × Ja: Dann habt ihr kein Motivationsproblem. Ihr habt ein Führungs- und Betriebsmodellproblem.
Fazit
Wenn ich diesen Beitrag auf einen Satz herunterbrechen müsste, wäre es dieser:
Gute Führung beginnt nicht bei Obstkorb und Teamtag, sondern bei Klarheit, Wirksamkeit und Ressourcenfit.
Alles andere ist Dekoration.Manchmal schön.Manchmal nett gemeint.Aber selten tragfähig.
Wenn du als Führungskraft also wirklich etwas für Motivation tun willst, dann fang nicht beim „Mehr“ an.Fang beim Weglassen von Unklarheit, Überlast und Scheinverantwortung an.
Und wenn du Projektleiter:in bist, dann weißt du ohnehin längst, wovon ich rede.Weil du die Folgen jeden Tag siehst.
Bis zum nächsten Mal.
Jörg Tausendfreund
Projektmanagement-Erklärer & Freund einer authentischen und wertschätzenden Inspiration im Team
P.S.: Wenn du im nächsten Führungskreis das Wort „Motivation“ hörst, frag nicht sofort nach Maßnahmen. Frag zuerst:„Welche Bedingungen in unserem Alltag machen Motivation hier gerade eigentlich schwer?“ Ab da wird’s interessant.




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