Ihr habt nicht fünf Probleme. Ihr habt dieselbe Ausweichbewegung in fünf Kostümen
- Jörg Tausendfreund
- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit

Hallo, meine lieben Symptomverwechsler!
Hier ist wieder euer Jörg Tausendfreund und in den letzten Beiträgen habe ich mit euch über eine ganze Reihe hübsch verpackter Organisationsschmerzen gesprochen, wie...
Strategie-Umsetzungslücke,
PMO ohne Zähne,
Agilitätstheater,
KI als Chaosbeschleuniger
und Zusammenarbeit im Dauerfeuer.
Klingt nach fünf Themen. Ist aber meistens nur eins.
Ich sage es mal so, wie es in vielen Unternehmen ausgesprochen ungern gehört wird:
Ihr habt oft nicht fünf Probleme. Ihr habt dieselbe Ausweichbewegung in fünf verschiedenen Kostümen.
Mal nennt sie sich „Transformation“. Mal „agiles Arbeiten“. Mal „besseres Reporting“. Mal „neues Tool“. Und mal „wir müssen die Zusammenarbeit verbessern“.
Aha.
Die eigentliche Diagnose ist meistens viel unromantischer:
Die Organisation kennt die Sprache guter Projektarbeit längst. Sie hat Begriffe, Templates, Zertifikate, Rollenbeschreibungen und hübsche PowerPoint-Folien. Aber genau dort, wo Projektarbeit unbequem wird, biegt sie ab. Nicht aus Bosheit. Aus Gewohnheit. Aus Politik. Aus Bequemlichkeit. Aus Angst vor echter Priorisierung. Aus Angst vor echtem Nein.
Und genau da wird aus Projektmanagement dann professionell klingendes Ausweichen.
Das ist kein Methodenmangel. Das ist geübte Flucht.
Ich höre in solchen Lagen gern diesen Satz:
„Wir müssen die Projektmanagement-Kompetenz stärken.“
Klingt vernünftig. Ist politisch weich. Tut niemandem sofort weh. Also ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er im Unternehmen sehr beliebt ist.
Nur leider ist er oft die falsche Diagnose.
Denn wenn ein Unternehmen zum dritten Mal in Weiterbildung investiert, die Projektleiter halbwegs ordentlich arbeiten, die Tools nicht völlig aus der Steinzeit stammen und trotzdem immer dieselben Schmerzen auftreten, dann liegt das Problem nicht zuerst im Methodenwissen. Dann liegt das Problem im System, das das Gelernte täglich wieder neutralisiert.
Dann konkurrieren drei Vorhaben um dieselbe Schlüsselperson. Dann reagieren Sponsoren nur selektiv auf Eskalationen. Dann lebt der Status gleichzeitig in Mail, Tool und PowerPoint. Dann endet der Lenkungskreis mit „nehmen wir mit“. Und dann wundert man sich, dass Projekte zwar laufen, aber nicht vorankommen.
Das ist kein Wissensloch. Das ist Organisationsverhalten.
Projektförmig ist die hübschere Vorstufe zur Überforderung
Ein elementarer Ansatz ist die Unterscheidung zwischen projektförmig und projektfähig.
Projektförmig heißt:
Es gibt Projekte. Es gibt Rollen. Es gibt Meetings. Es gibt Tools. Es gibt Berichte.
Also viel Projektoptik.
Projektfähig heißt etwas deutlich Anspruchsvolleres:
Die Organisation kann unter Druck priorisieren, entscheiden, Verbindlichkeit herstellen und offen über Risiken, Engpässe und Abweichungen sprechen.
Und genau da trennen sich Fassade und Fähigkeit.
Projektförmig ist oft nur die dekorativere Form von Überforderung. Projektfähig ist die Fähigkeit, auch dann sauber zu steuern, wenn es eng, politisch oder unangenehm wird.
Das eine ist Projekt-Sprache. Das andere ist Projekt-Können.
Die vier Zumutungen, vor denen sich Organisationen gern drücken
Gute Projektarbeit ist nicht deshalb schwer, weil die Methoden so kompliziert wären. Sie ist schwer, weil sie vier Dinge verlangt, die in vielen Unternehmen ausgesprochen unbeliebt sind.
1. Priorisierung
Nicht alles ist gleichzeitig wichtig. Ja, ich weiß. Allein dieser Satz löst in manchen Portfoliorunden schon Schnappatmung aus.
Priorisierung heißt: Start, Stop oder Weiter.
Nicht: alles strategisch nennen und hoffen, dass sich die Kapazität schon irgendwie moralisch vervielfacht.
2. Entscheidung
Nicht noch ein Follow-up.Nicht noch eine Vorabstimmung. Nicht noch eine Schleife zur Schleifenabstimmung.
Entscheidung heißt: Ja, Nein oder Später — und zwar so, dass danach gearbeitet werden kann.
3. Verbindlichkeit
Sponsorrolle, Statuslogik, Eskalationspfade und Minimalstandards dürfen nicht jedes Mal neu verhandelt werden, nur weil wieder irgendjemand „einen Sonderfall“ entdeckt hat.
Wer alles situativ macht, lernt lokal und scheitert global.
4. Offene Kommunikation
Risiken müssen früh sagbar sein. Kapazitätsgrenzen auch. Zielkonflikte ebenso.
Wer immer nur grüne Fassaden produziert, beruhigt vielleicht kurzfristig das System — steuert es aber nicht.
Und jetzt wird es interessant: Viele Organisationen lehnen diese vier Zumutungen nicht offen ab. Das wäre wenigstens ehrlich. Sie machen etwas Raffinierteres. Sie tarnen ihre Vermeidung.
Priorisierungsvermeidung tarnt sich als Ambition.
Entscheidungsvermeidung tarnt sich als Harmonie.
Verbindlichkeitsvermeidung tarnt sich als Flexibilität.
Transparenzvermeidung tarnt sich als Diplomatie.
Und Wirkungsmessungsvermeidung tarnt sich als Pragmatismus.
Sehr elegant. Sehr teuer.
Mein Werkstattblick:
Wenn Wissen gegen das System verliert
Ich habe solche Konstellationen oft genug gesehen.
Da sitzt ein Unternehmen vor mir, methodisch gar nicht so schlecht aufgestellt. Projektleiter ordentlich. PM-Handbuch vorhanden. Templates vorhanden. Tool vorhanden. Schulungen gelaufen. Alle benutzen die richtigen Wörter. Man könnte fast sentimental werden.
Und trotzdem dasselbe Bild:
Eine kritische Fachperson hängt gleichzeitig in vier Themen. Die Sponsorenschaft ist formal benannt, praktisch aber ein gelegentlicher Kalendereintrag. Entscheidungen werden in Gremien angekündigt, aber selten wirklich getroffen. Der Status ist an drei Orten verfügbar — und an keinem davon verlässlich. Das PMO sammelt fleißig Berichte, darf aber am eigentlichen Start-Stop-Weiter-Spiel nicht ernsthaft mitreden.
Dann kommt gern die Frage:
„Sollen wir noch einmal an den Projektmanagement-Standards arbeiten?“
Nein. Oder präziser:
Nicht zuerst.
Was in solchen Situationen hilft, ist nicht die vierte Runde Methodenbewunderung. Es hilft, das System an den unbequemen Stellen festzunageln:
Weniger Parallelität. Klare Sponsorpflichten. Ein Ort der Wahrheit. Saubere Entscheidungsfristen. Ehrliche Kapazitätslogik.
Mit anderen Worten:
Weniger Projektkosmetik. Mehr Organisationsklarheit.
Fünf Dinge, die du morgen anders machen kannst
Ich weiß, große Diagnosen sind hübsch. Aber von hübschen Diagnosen ist noch kein Projekt gerettet worden. Deshalb hier mein pragmatischer Teil:
1. Hört auf, alles „strategisch“ zu nennen.
Wenn zehn Dinge Top-Priorität haben, gibt es keine Priorität mehr. Dann gibt es nur noch rhetorische Gleichmacherei mit Kalenderfolgen. Macht ein klares Start-Stop-Weiter-Board und reduziert echte Top-Prioritäten brutal.
2. Plant Schlüsselpersonen in echten Tagen oder Stunden.
Nicht in diesen geschönten Prozentzahlen, die nur deshalb gut aussehen, weil sie mit Wirklichkeit wenig zu tun haben. Kapazitätslügen sind nur höflich verpackte Projektverzögerungen.
3. Macht Sponsorenschaft zur Pflichtfunktion.
Ein Sponsor ist kein freundlicher Name auf der Startfolie. Er braucht Entscheidungsfrist, Eskalationspflicht und sichtbare Verantwortung. Sonst ist das keine Sponsorenschaft. Das ist Dekoration mit Hierarchiegeruch.
4. Schafft einen Ort der Wahrheit.
Status, Risiken, Entscheidungen und Abhängigkeiten gehören an einen verbindlichen Ort. Nicht in sieben Versionen, drei Tools und zwei Bauchgefühlen. Suchaufwand ist selten ein Toolproblem. Meist ist er ein Zeichen fehlender Informationsordnung.
5. Messt Führung nicht nur an Ruhe, sondern an Klärung.
Das ist der Punkt, den viele Unternehmen am liebsten überspringen. Führung und Bereichsverantwortung müssen auch daran gemessen werden, ob sie Prioritäten klären, Entscheidungen herbeiführen und Kapazität ehrlich offenlegen. Sonst bleibt Projektarbeit immer der Bittsteller des Tagesgeschäfts.
Und ja: Nach Go-live bitte endlich die Frage stellen, ob das Ergebnis genutzt wird und ob der erwartete Nutzen eingetreten ist. Delivery ist nicht automatisch Wirkung. Ein Livegang ist kein Freispruch.
Woran du in 90 Tagen erkennst, ob ihr es ernst meint
Nein, du brauchst dafür kein Großprogramm, keinen Transformationsaltar und kein neues Leuchtturm-Label.
Du brauchst ein paar harte Signale:
Weniger parallele Vorhaben.
Sauberere Statusqualität.
Mehr echte Entscheidungen statt Folgegespräche.
Weniger Suchaufwand.
Mehr Sponsorpräsenz im kritischen Moment.
Und erste Gespräche über Nutzen statt nur über Terminlage.
Wenn davon nach 90 Tagen nichts sichtbar ist, habt ihr keine Projektfähigkeit aufgebaut.
Dann habt ihr nur wieder sehr engagiert über Projektfähigkeit gesprochen.
Fazit: Die Krankheit heißt nicht Unwissen. Sie heißt organisierte Ausweichbewegung.
Wenn du an die bisherigen Beiträge dieser Serie denkst, dann ist das hier die Diagnose hinter den Symptomen.
Die Strategie-Umsetzungslücke?
Oft fehlende Wirkungsmessung und vertagte Entscheidung.
Das zahnlose PMO?
Transparenz ohne Mandat.
Das Agilitätstheater?
Rituale ohne echte Nein-Fähigkeit.
Der KI-Hype?
Technologie auf ungeklärte Rollen und kaputte Informationsordnung geklebt.
Zusammenarbeit im Dauerfeuer?
Koordinationsschuld aus vertagten Entscheidungen.
Immer wieder dieselbe Handschrift.
Projektmanagement scheitert selten daran, dass keiner weiß, wie es grundsätzlich geht. Es scheitert viel öfter daran, dass Organisationen gutes Projektverhalten nicht absichern, sondern unterlaufen.
Ihr habt nicht zuerst ein Wissensproblem. Ihr habt oft ein Ernsthaftigkeitsproblem.
Und solange ihr lieber Methoden bewundert als Voraussetzungen baut, bleibt Projektarbeit formal korrekt und praktisch unerquicklich.
Bis zum nächsten Mal.
Jörg Tausendfreund
Projektmanagement-Erklärer & Fan ernsthafter Projektarbeit
P.S. Ein neues Zertifikat schlägt keine alte Anreizlogik. Es glänzt nur schöner im Intranet.
P.P.S. Wenn euer Steering Committee wieder mit „nehmen wir mit“ endet, nehmt diesmal bitte auch die Entscheidung mit. Die bleibt sonst wieder herrenlos im Protokoll.




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